TEST: Wächter von Mittelerde – Der MOBA-Titel auf dem Prüfstand

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LoL, HoN, AoS- das sind Begriffe, mit denen reine Konsolenspieler bisher wenig Kontakt hatten. Das sehr junge Genre der MOBA-Spiele (Multiplayer Online Battle Arena) fand bisher im Hause Sony und Microsoft de facto nicht statt.

Monolith Productions schickt sich an, dies nun zu ändern. Mit Wächter von Mittelerde schickt der US-amerikanische Entwickler ein Spiel ins Rennen, das nicht nur Konsoleros an das Genre heranführen, sondern sich auch gegen die auf dem PC beheimatete Konkurrenz behaupten soll.

Dass MOBAs der Echtzeitstrategie entsprungen sind, ist kein Zufall. Wie in Age of Empires, Starcraft und Konsorten steuern wir unseren Charakter in isometrischer Perspektive über das Schlachtfeld und schnetzeln uns durch gegnerische Armeen, um zur Basis vorzudringen und diese schließlich zu vernichten. Jedoch steuern wir in Wächter von Mittelerde nur einen Charakter, unseren persönlichen “Wächter”, mit dem wir gemeinsam mit unseren Mitspielern in festen Pfaden gegen unsere Feinde vorgehen. Dabei sammeln wir Erfahrungspunkte und bauen unsere Fähigkeiten sowie Verteidigungsanlagen aus – so weit, so bekannt aus anderen Vertretern des Genres.

Der größte Unterschied zu LoL und Co. findet sich in der Bedienung. Während auf dem PC auf Maus und Tastatur zurückgegriffen werden kann, die eine exakte und Hotkey-lastige Steuerung ermöglichen, hat Monolith die Bedienung mit dem Gamepad sinnvoll vereinfacht: Mit den Analogsticks steuern wir unsere Spielfigur und richten ihren Angriffsbereich aus. Mittels Trigger dreschen wir auf die zumeist computergesteuerten Gegner (genannt Creeps) ein. Spätestens, wenn wir einem feindlichen Wächter begegnen, kommen wir um den Einsatz unserer Fähigkeiten nicht herum, die wir ihm mit den Funktionstasten um die Ohren hauen. Nach einer angenehm kurzen Eingewöhnungsphase steuert sich dies in den taktischen Gefechten überraschend flink und intuitiv. Anders hätte die Steuerung schnell zum Sargnagel der Wächter von Mittelerde werden können, denn in keinem anderen Genre kommt es in diesem Maße auf Timing und Zielsicherheit an.

Haben wir das Schlachtfeld als Sieger verlassen, können wir uns neben Gold und Erfahrung bei einem eventuellen Levelup über freigeschaltete Ausrüstung freuen. Wir bestücken unseren Helden mit magischen Gürteln und wählen aus einer wachsenden Anzahl von Sonderkommandos, die uns fortan auf dem Schlachtfeld als eine Art Spezialfähigkeiten zur Verfügung stehen. Diese individuellen Anpassungsmöglichkeiten unseres Wächters motivieren langfristig und lassen die Gier nach Erfahrungspunkten nicht so schnell erlöschen. Man könnte also meinen, dass Wächter von Mittelerde seinen Kollegen auf dem PC in Sachen Komplexität und taktischem Tiefgang in nichts nachsteht. Fast. Der Entwickler hat versucht, die Dauer der einzelnen Matches auf den Konsolenmarkt anzupassen und diese von der auf dem PC üblichen Dreiviertelstunde auf 20-30 Minuten gekürzt. Dieses Vorhaben zieht neben kleineren Maps und kürzeren Scharmützeln mit Feinden auch den Wegfall des Itemkaufs nach sich. Wo bei LoL die geschickte Investition des verdienten Goldes gerne mal über Sieg und Niederlage entscheidet, sucht man Itemshops in Mittelerde vergeblich.

Das heißt allerdings nicht, dass man diese unbedingt vermisst. Gerade Einsteigern wird dadurch eine große Hürde genommen. Statt durch ein riesiges Angebot an Ausrüstungsgegenständen schnell überfordert zu werden, kann man sich auf die Verbesserung seines Charakters durch Magiegürtel und Spezialkommandos konzentrieren. Gepaart mit einem nachsichtigen Tutorial gibt sich Wächter von Mittelerde sehr einsteigerfreundlich.

Als einsteigerfreundlich könnte man auch den Umfang des Spiels beschreiben. Neben immerhin 22 auswählbaren Charaktern stehen nur zwei Maps zur Verfügung. Zwar wird die PC-Konkurrenz meist auch nur auf wenigen Maps gespielt, obwohl weitaus mehr zur Auswahl stünden, mehr als zwei Stück hätten es dennoch sein dürfen. Bei den Spielmodi wagt Monolith keine Experimente. Man bestreitet jedes Spiel mit 5 gegen 5 Mann, wobei man selbst wählen darf, ob man gegen menschliche Spieler in die Schlacht zieht oder mit KI-Gegnern Vorlieb nimmt.

Ein weiteres Problem des Spiels ist das Matchmaking. Zwar müssen wir zu Stoßzeiten nur wenige Minuten warten, bis genügend Spieler für eine Schlacht zusammen gekommen sind. Allerdings fehlen an dieser Stelle eindeutig Filteroptionen, die dem Spieler an die Hand gegeben werden. Zu häufig bin ich als relativ unerfahrener DOTA-Spieler an übermächtige Gegner höheren Levels geraten. Ebenfalls nervig: Eine Sprach- bzw. Ländereinstellung gibt es nicht. So kommt es nicht selten zu Multikulti-Teams aus Franzosen, Deutschen und anderssprachigen Spielern, latente Kommunikationsschwierigkeiten inklusive.

Die Herr der Ringe-Lizenz wirkt sich ohne Zweifel identitäts- und verkaufsfördernd auf den MOBA-Vertreter aus, umfangreich genutzt wird sie allerdings nicht. Die Schauplätze könnten ebenso gut jedem anderen Mittelalter-Setting entsprungen sein. Dennoch lassen die originalgetreu modellierten Spielcharaktere mitunter im Hype des Hobbit-Kinofilms ihren Charme versprühen. Die Texturen fallen leider recht detailarm und repetitiv aus und auch die Animationen hätten noch ein wenig Feinschliff vertragen können. Die Technik dürfte jedoch für die Zielgruppe von Wächter von Mittelerde ohnehin eine nicht allzu große Rolle spielen.

Abschließend noch folgender Hinweis: Ohne ein gut funktionierendes Team geht hier nur wenig. Spielt man egoistisch und verzichtet man auf die Möglichkeiten, sich mit den Teamkameraden über Voice-Chat über Taktik und Vorgehen zu beraten, wird man bei entsprechend erfahrenen Gegnern sehr schnell nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen. Dies kann den Frustfaktor auf ein kritisches Niveau treiben. Also lieber gleich zusammen mit den Kumpels zocken oder auf ein Team hoffen, welches des Englischen mächtig ist.

Fazit

“Was lässt sich also über Wächter von Mittelerde sagen? Ist der MOBA-Ausflug auf die Konsolen gelungen? Definitiv! Monolith Productions hat an den richtigen Stellschrauben gedreht und die Kernelemente des Genres gut spielbar auf die Konsolen gehievt. Anfänger werden behutsam an das Genre herangeführt und Fortgeschrittene müssen in Sachen Komplexität und Langzeitmotivation keine Abstriche hinnehmen. Die Zukunft wird zeigen, wie viel Produktpflege Wächter von Mittelerde noch erfahren wird. Zwar können bereits mehrere neue Charaktere mit Ingame-Gold erworben werden, bei den Maps und dem Matchmaking besteht allerdings noch klarer Nachholbedarf. Mit den ersten DLCs, die unter anderem das Auenland als weiteren Map-Skin einführen, sind erste Schritte getan.”

Reviewed by Tobias Lübke

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Entwickler: Monolith Productions
Publisher: Warner Bros. Interactive
Release: bereits erhältlich
Offizielle Homepage: www.guardiansofmiddleearth.com

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