Zehn Jahre. So lange hat es gedauert, bis BioWare mit „Dragon Age: The Veilguard“ das nächste große Kapitel seiner traditionsreichen Fantasy-Rollenspielreihe veröffentlichte. Der Titel erschien zu Halloween 2024, mitten in der wichtigen Feiertagssaison – und schien zunächst ein solider Erfolg zu sein: ordentliche Reviews, Top-Platzierungen bei Steam, positive Resonanz von Core-Fans.
Doch dieser Eindruck hielt nicht lange. Spieler äußerten Kritik an Ton, Struktur und Entscheidungsfreiheit. Die Verkaufszahlen stagnierten. Und als EA im Januar 2025 bekanntgab, dass das Spiel die hauseigenen Erwartungen um 50 % verfehlt hatte, war klar: Die magische Rückkehr blieb aus. Nur 1,5 Millionen Spieler griffen zu – bei einem Franchise wie Dragon Age ein Warnsignal.
In einem ausführlichen Inside-Report von Jason Schreier für Bloomberg schildern fast zwei Dutzend Beteiligte, wie interne Umstrukturierungen, kreative Richtungswechsel und eine zerrissene Entwicklungsführung das Spiel letztlich ausbremsten. Ihr Fazit: Der Flop war nicht überraschend, sondern absehbar.
Management by Reboot
Was folgte, war ein fast klassischer EA-Zug: BioWare wurde umstrukturiert, etliche Entwickler entlassen oder anderen Teams zugeteilt. Das Studio, einst gefeiert für „Mass Effect“ und „Dragon Age: Inquisition“, wurde intern degradiert. Das ehemalige BioWare-Hauptquartier in Edmonton ist inzwischen nur noch ein EA-Hub.
Wie konnte das passieren?
Die Antwort liegt in einem Jahrzehnt chaotischer Entwicklung, zahlreichen Führungswechseln und einem grundlegenden Missverständnis zwischen Publisher und Entwickler. „Dragon Age: The Veilguard“ wurde mehrfach in Konzept und Ausrichtung neu gedacht – mal als storylastiges Singleplayer-Spiel, dann als Live-Service-Experiment, dann wieder zurück. Jede Richtungsänderung kostete Zeit, Geld und kreative Kohärenz.
Laut Bloomberg-Recherchen waren es gerade diese Kurswechsel, die das Spiel strukturell zersetzten. Entscheidungen wurden getroffen, dann wieder verworfen – ohne Raum für echte Pre-Production. Zeitweise arbeiteten zwei konkurrierende Teams an „Dragon Age: The Veilguard“, darunter auch Mitarbeiter des neuen „Mass Effect“, was zu internen Spannungen führte. Einige nannten das Projekt intern nur noch „Anthem mit Drachen“ – wenig schmeichelhaft, aber bezeichnend.
Ein Studio zwischen Anspruch und Realität
BioWare war nie das Zugpferd in EAs Portfolio – Sportsimulationen und Shooter bringen das Geld. Aber für viele war das Studio so etwas wie das kreative Aushängeschild. „Dragon Age: The Veilguard“ hätte das Comeback markieren können. Stattdessen wurde es ein weiterer Beleg dafür, wie schwer es ist, narrative Rollenspiele unter AAA-Bedingungen zu entwickeln.
Dabei lag das Problem nicht allein im Spiel selbst. Auch das Marketing versagte. Der erste Trailer weckte Assoziationen an „Fortnite“, nicht an „Dragon Age“. Und während Fans dramatische Geschichten und moralische Entscheidungen erwarteten, bekamen sie eine verwässerte Version ihrer Erwartungen – mit einem Tonfall, der irgendwo zwischen Snark und Reue pendelte. Spätere Umschreibungen konnten die Brüche nicht mehr ausbügeln.
Heute arbeiten noch einige Dutzend Entwickler an einem neuen „Mass Effect“. Ob BioWare noch eine echte Chance bekommt, bleibt fraglich. Branchenkenner wie Doug Creutz sagen zwar, dass EA durchaus Gründe hätte, die Marke zu erhalten – doch wenn morgen die Lichter ausgehen würden, wäre auch das keine große Überraschung mehr.
