Ross Scott von der Europäischen Bürgerinitiative „Stop Killing Videogames“, die am 16. April 2026 vor dem EU-Parlament sprach, hat die Samthandschuhe ausgezogen und das Europäische Parlament mit der Realität digitaler Enteignung konfrontiert. Während Publisher den Verkauf von Software als dauerhaften Erwerb tarnen, bleibt am Ende oft nur ein nutzloser Datensatz auf der Festplatte.
Das 370-Millionen-Euro-Grab Concord
Die Branche rechtfertigt die Zerstörung von Spielen oft mit untragbaren Kosten für eine dauerhafte Bereitstellung. Scott demontierte dieses Argument am Beispiel von Sonys „Concord„. In die Entwicklung flossen mindestens 370 Millionen Euro, doch ein simpler Plan für das Lebensende des Produkts fehlte komplett.
Der Aufwand, ein Spiel am Ende seiner kommerziellen Laufzeit durch das Abschalten von Mikro-Diensten und Anti-Cheat-Maßnahmen in einem spielbaren Zustand zu hinterlassen, ist minimal, wenn er von Beginn an einkalkuliert wird. Publisher verweigern diesen Schritt nicht aus Geldmangel, sondern um Kunden in den nächsten Kaufzyklus zu zwingen.
Software-Leichen als Geschäftsmodell
Der Kern der Anhörung am 16. April 2026 war die systematische Deaktivierung verkaufter Spiele. Publisher implementieren laut Scott bereits bei der Entwicklung einen digitalen Kill-Switch, der Titel nach Gutdünken unbrauchbar macht.
Diese Praxis betrifft keine Nischenprodukte, sondern erreicht durch die Marktmacht großer Konzerne wie Sony oder Ubisoft zweistellige Millionenbeträge an Kunden in der EU. Eine Amateurstudie von über 1.100 vernetzten Spielen zeigt das Ausmaß: In 93,5 % der untersuchten Fälle führt das Support-Ende zur totalen Unbrauchbarkeit des Kaufs.
Die Ohnmacht der europäischen Behörden
Der Fall Ubisoft und die Abschaltung von „The Crew“ im Jahr 2024 offenbarten ein regulatorisches Vakuum. Tausende Beschwerden bei Verbraucherschutzbehörden in Frankreich und Deutschland blieben bislang ohne greifbare Konsequenzen oder Entschädigungen. Die EU-Kommission verweist auf bestehende Richtlinien gegen missbräuchliche Klauseln, doch in der Praxis herrscht bei den nationalen Behörden Ratlosigkeit. Ohne eine explizite Regulierung, die den Erhalt der Spielbarkeit nach dem Support-Ende vorhersagt, bleibt der digitale Besitz eine Illusion, die jederzeit per Server-Abschaltung platzen kann.
Ross Scott hat vor den EU-Ausschüssen IMCO, JURI und PETI die Initiative „Stop Killing Videogames“ vertreten. Er fordert ein gesetzliches Verbot der absichtlichen Zerstörung von Videospielen durch Publisher nach Ende des Supports.
Wer 370 Millionen Euro in ein Spiel versenkt, aber keine 50 Cent für einen Offline-Modus übrig hat, plant die Vernichtung des eigenen Kulturguts von Tag eins an mit ein. Die vollständige Anhörung gibt es im nachfolgenden Video.