Wenn ein Serienveteran wie Nioh eine neue Epoche wählt, lohnt es sich genauer hinzusehen. Für Nioh 3 verlassen Koei Tecmo und Team Ninja vertraute Gefilde und springen direkt in die Bakumatsu-Zeit, den Moment, in dem Japans Samurai-Ordnung ins Wanken gerät. Die Reihe wagt sich damit an politisch wie kulturell aufgeladene Jahre, die bisher kaum ein Action-RPG glaubwürdig umgesetzt hat.
Kyōto im 19. Jahrhundert wirkt dabei weniger wie eine historische Kulisse und mehr wie ein Schauplatz im Ausnahmezustand. Wahrzeichen wie der Kiyomizu- und der Honnō-ji-Tempel sind sichtbar vom „Fegefeuer“ gezeichnet, einem übernatürlichen Einfluss, der Yokai noch aggressiver, unberechenbarer und fremder auftreten lässt. Für Fans, die seit Teil 1 auf immer neue Gegnertypen gehofft haben, könnte diese Phase der Reihe die bisher mutigste sein.
Die Shinsengumi bringt moderne Waffen
Ein besonders spannender Aspekt ist die Shinsengumi. Die Eliteeinheit des Shogunats tritt nicht nur als historischer Farbtupfer auf, sondern verändert den Kampf selbst. Erstmals in der Serie setzen menschliche Gegner moderne Waffen ein: Pistolen, Gewehre, sogar Gatlings. Das eröffnet völlig neue Angriffsmuster – Fernkampf-Salven, Richtungswechsel, offene Räume, die plötzlich keine Sicherheit mehr bieten.
Dieser Mix aus alten Klingen und industrieller Feuerkraft könnte der Serie eine notwendige Frischzellenkur geben. Team Ninja bleibt seinem Tempo treu, erweitert es aber um Mechaniken, die bislang eher Shootern vorbehalten waren. Ob das für jeden Veteranen funktioniert, wird sich zeigen, aber der Ansatz wirkt durchdacht.

Historische Begegnungen und eine Ausstellung im echten Leben
Der Protagonist Takechiyo Tokugawa trifft im Laufe seiner Reise auf prägende Figuren der Epoche: Takasugi Shinsaku, Okita Sōji und Tokugawa Yoshinobu, den letzten Shogun. Solche Begegnungen können leicht zu reinen Cameos verkommen, doch gerade Nioh war immer dann am stärksten, wenn reale Geschichte und mystische Überhöhung ineinandergriffen.
Bemerkenswert ist auch der Schritt über das Spiel hinaus: Nioh 3 wird im Februar 2026 Teil einer Samurai-Ausstellung im British Museum. Dass ein Action-RPG dort landet, zeigt, welchen kulturellen Stellenwert die Reihe inzwischen erreicht hat, und dass Team Ninja offenbar bereit ist, historische Authentizität ernster zu nehmen, ohne ihren Fantasy-Kern zu verlieren.
Wenn Nioh 3 wirklich die Balance zwischen geschichtlicher Tiefe, modernen Kampfsystemen und Yokai-Fantasy hält, erleben wir dann den mutigsten Schritt der Serie oder einen riskanten Bruch?
