TEST: inFAMOUS Second Son – Delsin lässt es bildgewaltig krachen

Sucker Punch macht es richtig und verpasst seiner Serie ‚inFAMOUS‘ auf PlayStation 4 ein kleines Reboot. Ein neuer Held, ein neues Setting und eine gekonnte Weitererzählung der früheren Ereignisse. Kurzum, man darf sich ungehemmt in das neue Sandbox-Spektakel „inFAMOUS: Second Son“ stürzen, ohne bisher etwas verpasst zu haben.

Der Zusatztitel „Second Son“ beschreibt den neuen Helden Delsin Rowe, ein etwas ausgeflippter Hipster-Typ mit Jeansjacke und Wollmütze, der von sich glaubt zu etwas Größerem berufen zu sein. Um dem auch gerecht zu werden, versucht er sich mit Straßenkunst, wiedersetzt sich den üblichen Regeln und hält viel auf freie Meinungsäußerung. Dass Probleme somit nicht lange auf sich warten lassen und diese sogar viel größer werden können, als er sich selbst vorgestellt hat, legt den Zement für unser Abenteuer.

Dem Gesetz ausweichend, stolpert Delsin quasi seinen besonderen Fähigkeiten entgehen, indem er mitten über einen Conduit fällt, Menschen mit Superkräften, die vom Department of Unified Protection (DUP), einer Behörde, die dafür zuständig ist, dass sich die Ereignisse aus New Marais und Empire City nicht wiederholen, gejagt und weggesperrt werden. Delsin´s besondere Kraft beschränkt sich dabei nicht nur auf eine einzige, sondern kann diese von anderen Conduits absorbieren. Ein wesentliches und neues Spielelement, das ihm zu seiner ersten Superkraft ‚Rauch’ verhilft und er somit ebenfalls zum direkten Ziel der DUP wird. Mit solch auffälligen Spielereien lässt es auch nicht lange auf sich warten und ihr lernt weitere Conduits, deren Motive und Hintergrundgeschichten kennen. Dazu zählt unter anderem die Rebellin Fetch, die ihren Bruder rächen will und euch gleichzeitig die Neon-Kraft mit auf den Weg gibt.

Die Story an sich dreht sich zunächst um das banale Gut gegen Böse, Delsin gegen die DUP, sowie verläuft sich diese in kleinere Nebengeschichten der anderen Conduits, die so ihre so ganz eigenen Probleme haben, auf Rachefeldzug sind oder sich ebenfalls der DUP entziehen. Vielleicht nicht die epischste Story, die man von einem Superheldenspiel erwartet, aber durchaus unterhaltsam und ansprechend umgesetzt, mit einigen kleinen Twists und der Möglichkeit, sie durch das Karma-System bedingt zu beeinflussen. Grob geschätzt war ich 10 bis 12 Stunden gut unterhalten und hatte damit meinen Spaß, zumal „inFAMOUS: Second Son“ einen hohen Wiederspielwert bietet.

Ein Grafikfeuerwerk

Es gibt bisher nur wenige Titel, die wirklich zeigen, was in der PlayStation 4 steckt. Mit „inFAMOUS: Second Son“ gibt es nun allerdings ein weiteres Paradebeispiel. Laut Sucker Punch war es das Ziel, ein detailreiches Spiel zu erschaffen, auch wenn man dafür einige Kompromisse eingehen muss. In diesem Fall opferte man die 60fps, bietet dafür aber gestochen scharfe 1080p und eine Detailverliebtheit, die ihres Gleichen sucht. Die Spielwelt von Seattle ist in zwei große Areale, mehrere Bezirke unterteilt und über eine riesige Brücke verbunden. Etwa vergleichbar mit „inFAMOUS 2“ damals.

Es herrscht eine unglaubliche Atmosphäre, wenn ihr die Straßen von Seattle der Abendsonne wie bei einem Schaufensterbummel entgegenlauft und dabei das moderne, aber gleichzeitig vertraute Stadtbild genießen könnt. Überall sind kleine Geschäfte aneinandergereiht, Mini-Parkanlagen, Bushaltestellen, Passanten, die ihrem Tagesgeschäft nachgehen, der Regen der auf die Erde niederprasselt und Pfützen hinterlässt, reflektierende Häuserwände, leuchtende Reklametafeln oder das Laub, das euch von den Bäumen entgegen weht und kleinste Strukturen erkennen lässt. Lebendigkeit trifft es hier sehr gut. „inFAMOUS: Second Son“ ist wohl das komplette Gegenteil verglichen mit „Killzone: Shadow Fall‘, dessen Städte mehr einem Friedhof glichen.

Richtig interessant wird es aber erst, wenn ihr eure Kräfte einsetzt. Spätestens mit der Neon-Kraft wird hier die Grafikrakete gezündet, die eure Umgebung in ein Meer von Farben, Effekten und Partikeln hüllt. Das zieht sich durch fast alle Kräfte hinweg, die ihr euch im Laufe des Spiels aneignet, die wir hier aber nicht verraten möchten.

Das grafische Level von ‚inFAMOUS: Second Son“ ist geradezu phänomenal, bietet an fast jeder Ecke neue Highlights und schraubt die Messlatte auf ein neues Hoch. Auffällig ist zudem die umwerfend authentische Darstellung von Texturen, insbesondere bei Textilien wie Delsin´s Jeansweste und Mütze, die sich absolut zum Greifen nahe anfühlen. Das i-Tüpfelchen bilden zusätzlich die Zwischensequenzen, in denen die Kameraeinstellung immer besonders nahe ist und jeden Winkel, der Charaktere beleuchtet, als würden sie direkt vor einem stehen. Hier dreht Sucker Punch richtig auf und liefert wunderschöne Szenen, die euch durch die Story führen. Alles wirkt schon so perfekt, dass man kleinere Fehler kaum verzeihen kann/will. So hat doch tatsächlich ein Passant beim Jubeln seinen Arm durch den Regenschirm hindurch gestreckt sowie hat man schon wieder das Spiegelbild von Delsin auf reflektierenden Oberflächen vergessen. Killzone lässt grüßen!

Süchtig nach Kräften

Im Mittelpunkt von „inFAMOUS: Second Son“ stehen wieder die Superkräfte. Weg mit der Elektrizität und hin zu Rauch und Neon, soweit bekannt. Delsin bekommt diese Kräfte quasi geschenkt, zunächst als Fluch betrachtet, kann er später gar nicht mehr die Hände davon lassen und verfällt einer regelrechten Sucht danach. Im Minutentakt erlernt ihr neue Fähigkeiten eurer Kräfte, von einfachen Geschossen, über Salven, verheerenden Luftangriffen und einem Special Move, der aufwendig in Szene gesetzt wird, wie dem Tornadoangriff der Rauch-Kraft, bei dem ihr euch hoch in die Lüfte schwingt, am Scheitelpunkt kehrt macht und dann rotierend gen Boden stürzt, um alles rings um euch herum einzustampfen. Dabei hat man ein gutes Mittelmaß gefunden, so dass eure Kräfte mächtig wirken, ihr gleichzeitig aber nicht übermächtig erscheint. An einigen Kämpfen hat man durchaus zu beißen, um diese zu meistern. Hier hilft es hin und wieder seine Kräfte mit den Scherben zu verbessern, die in der ganzen Stadt verteilt sind und ein kleines Crafting-System darstellen.

Spielerisch sind alle Kräfte ähnlich, unterscheiden sich natürlich im Aussehen und der Auswirkungen. So kann man mit der Neon-Kraft zum Beispiel deutlich längere Strecken schnell zurücklegen als mit Rauch, der euch nur wenige Meter transportiert. Mit Rauch müssen zudem Lüftungsschächte genutzt werden, um an einem Haus empor zu klettern, während ihr mit Neon an jeder Hauswand hochgleiten könnt. Genauso verhält es sich auch mit allen anderen Kräften, jede mit einzigartigen und kreativen Möglichkeiten. Wie schon erwähnt ist der Spaßfaktor mit den Kräften enorm hoch, kaum zu vergleichen mit den Kräften von Cole damals, die im Gegensatz zu Delsin´s völlig verblassen.

Gleichzeitig könnt ihr euch mit diesen geradezu leichtfüßig durch Seattle bewegen. War es damals noch ein Krampf eine Hauswand hoch zu kraxeln, stellt dies inzwischen kein Problem mehr dar und ihr könnt absolut flüssig durch die Welt springen, gleiten, Hindernisse überwinden oder von Haus zu Haus jagen. Zwischendurch noch ein paar eingesperrte Conduits befreien, Drogendeals platzen lassen oder eure Graffitikunst an den Wänden verewigen. Spontane Übergänge verlaufen absolut flüssig, sodass man nicht einmal groß dafür anhalten muss.

Großzügig macht man dabei auch von den Features des DualShock 4 Controller Gebrauch. Erstmalig musste ich sogar beide Daumen auf dem Touchpad verwenden, aus dem Lautsprecher kommt das Handklingeln oder Soundeffekte der einzelnen Kräfte. Gut und sinnvoll integriert, sowie reichlich im Spiel eingesetzt. Bravo!

Teils nervig ist hingegen die Kamera, die häufig mehr wie ungünstig steht und fällt. Insbesondere wenn man rückwärtslaufend flüchtet, eckt man irgendwo an und bleibt hängen, da helfen einem auch die Superkräfte nicht weiter. Die Kamera richtet sich leider nicht selbst aus, sondern muss stets vom Spieler gedreht werden. Da man ohnehin schon wie verrückt am Knöpfe drücken ist, wäre ein wenig mehr Unterstützung in der Hinsicht sicherlich hilfreich.

Bist du Gut oder Böse?

Irgendwie ist es mir schleierhaft, warum man das Moralsystem in „inFAMOUS: Second Son“ so hervorhebt. Zum Tragen kommt es „so sehr“, dass ich es für das Review fast schon wieder vergessen habe. Man wird vielleicht sechs mal vor eine direkte Entscheidung gestellt, nochmal gefragt, ob man sich wirklich sicher ist und darf dann die dazugehörige Filmsequenz genießen. Gut, ich hab mich direkt zu Beginn entschieden, dass ich ein Held sein will, also entscheide ich mich vermutlich auch für den Rest des Spiels so, wenn man persönlich nicht gerade extremen Gefühlschwankungen unterliegt. Immerhin habe ich dadurch die Motivation, „inFAMOUS: Second Son“ ein zweites Mal zu spielen und dann die böse Linie zu wählen. Konsequenzen haben diese Entscheidungen nicht, außer dass man mit einer leicht alternativen Story belohnt wird. Und die Buh-Rufe der Passanten oder im umgekehrten Sinne der Fans, die sich im Moral-System niederschlagen sollen, prallen eher an einem ab. Mit dem Moral-System hatte man sicherlich seine Ambitionen, hätte aber deutlich härtere Konsequenzen daraus ziehen und sich nicht nur im Story-Aspekt wiederspiegeln sollen.

Und sonst so?

Gelungen fand ich die Boss-Kämpfe, die ihr euch das gesamte Spiel über hinweg und meist sehr spontan stellen müsst. Kreativ, abwechslungsreich und fordernd, da hier das gesamte Potenzial an Gameplay-Features zusammenfließt. Zeit zum Luft holen blieb in diesen Momenten kaum, auf die man sich richtig freuen darf.

Der Sound vom Spiel ist okay, gute Synchronsprecher in Deutsch, im Gesamten allerdings sehr ruhig und im Hintergrund gehalten, ja selbst in den Boss-Kämpfen wirkte es mir persönlich ein wenig zu still. Hätte man sich alleine mit der Lautstärke etwas mehr zugetraut, wäre die Gesamtatmosphäre sicherlich noch besser.

Ist die Story geschafft und das „Böse“ in seine Schranken gewiesen, bleiben einem zwei Optionen. Ich spiele den alternativen Story-Pfad und beginne von vorne oder ich säubere Seattle von der Besatzung der DUP. Letzteres wird vermutlich nur für Trophäenjäger interessant sein, da sich hier die Aufgaben häufig wiederholen. Zerstöre dies, sammle das ein, vernichte jenes. Bis man alle Bezirke gesäubert hat, wird man einige Stunden mit dem Spiel verbracht und wohl jeden Winkel erkundet haben. Da erschien mir die alternative Story-Linie deutlich interessanter.

Entwickler: Sucker Punch Productions
Publisher: Sony Computer Entertainment
Release: 21. März 2014
Offizielle Homepage: www.infamous-second-son.com

[asa]B00BJ3CXF2[/asa]

TEST: inFAMOUS Second Son – Delsin lässt es bildgewaltig krachen
inFAMOUS: Second Son ist ein Pflichtkauf auf der PS4! Bildgewaltig, Cool und Actionreich ... schon jetzt eines meiner Highlights in diesem Jahr!
8.9
Share this Article
4 Comments
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
Checkbox
4 Comments
Newest
Oldest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments
4
0
Dein Kommentar dazu interessiert uns!x
()
x