TEST: Marvel’s Avengers – Heldenhaft & ausbaufähig

Zum Ende der PlayStation 4-Ära hauen Square Enix und Crystal Dynamics, welches vor allem für seine gelungene Neuumsetzung von Tomb Raider bekannt ist, nochmal richtig einen raus. Es ist fast kaum zu glauben, dass erst jetzt ein Spiel über Marvel’s Avengers den Weg auf die heimischen Konsolen findet, umso größer ist das Interesse an diesem Titel und seinem möglichen Erfolg. Nachdem der Titel nun schon ein paar Wochen auf dem Markt ist, konnten wir uns einen langfristigen Eindruck machen, sowohl über die als Singleplayer angelegte 

A-Day is coming

Unsere Story beginnt am A-Day, einer Art Ehrentag für die bekannte Heldentruppe, mitten in San Francisco, an dem der neue Terrigen-Reaktor des Helicarriers vorgestellt werden soll. Der Tag kommt daher wie ein Mix aus Jahrmarkt und Unabhängigkeitstag, überall gibt es Attraktionen im Stil der Helden, Comichefte zu sammeln oder die mächtigen Mitglieder hautnah zu erleben. Wir feiern diesen Tag als Kamala Khan, ein junges, neugieriges Mädchen und wohl größter Fan der Avengers. Ihr Ziel: Die VIP-Tribüne mit bestem Blick auf die Helden. Es scheint der rundum perfekte Tag zu werden, zumindest scheint es so, denn schnell spüren wir, dass hinter den Kulissen etwas nicht stimmt, und ehe wir uns versehen wird die Stadt angegriffen. Zwar können Iron Man, Hulk und Co. den Großteil des Angriffes zurückschlagen, allerdings stürzt der Helicarrier ab, reißt Captain America und viele Besuches des Festes mit in den Tod und setzt durch die Explosion des Terrigen-Kristalls einen Nebel über der Stadt frei, der manche Menschen in die sogenannten Inhumans verwandelt, Menschen mit besonderen Kräften.

Marvel’s Avengers

Dieser Tag markiert eine Wende in der Zeit der Avengers. Sie bekommen die Schuld an den Ereignissen, nicht zuletzt durch das Eingeständnis von Dr. Bruce Banner, wodurch Helden und Menschen mit Kräften zum Feind Nr.1 der Gesellschaft werden. Innerhalb von 5 Jahren steigt daraufhin die Organisation A.I.M. zur Weltmacht auf, unter der Leitung von Dr. George Tarleton, ebenfalls durch den A-Day verändert und später bekannt als der Bösewicht MODOK (Mental Organism Designed Only for Killing). Die Avengers zerfallen, trennen sich und tauchen einzeln unter. 

Ein Fakt, den Avengers-Superfan Kamala nicht akzeptieren kann. Sie spürt, dass etwas nicht stimmt, weshalb sie alles daran gibt, das Geheimnis aufzudecken, die Avengers wieder zu versammeln und die Welt aus der Gewaltherrschaft von A.I.M. zu befreien. Zum Glück ist auch Kamala ein Inhuman, eine Polymorphe, die ihre Gliedmaßen beliebig vergrößern kann.

Die Story von Marvel’s Avengers besitzt mit einer Länge von knapp 15 Stunden eine überraschende Menge an Unterhaltung. Wir bekommen hier nicht nur einen guten Eindruck vom Untergang und Wiederaufstieg der Avengers, sondern auch von ihren inneren Konflikten und ihrer Bürde, die jeder einzelne von sich trägt. Der Storymodus bietet dabei zwei verschiedene Arten. Auf der einen Seite gibt es eher lineare Missionen, welche stark an Tomb Raider erinnern, und in denen wir meistens neue Verbündete finden oder die Handlung wesentlich vorantreiben. Diese Missionen machen wirklich Spaß und sind verhältnismäßig abwechslungsreich. Darüber hinaus führen uns diese Abschnitte mit neuen Charakteren zusammen und führen uns in einem sehr angenehmen Tempo in die entsprechenden Fertigkeiten jeder Figur ein. Die Story ist wirklich ein Highlight des Titels.

Marvel’s Avengers

Avengers versammelt euch

Auf der anderen Seite gibt es die Warzone-Missionen, welche einen Eindruck vom Endgame, der sogenannten „Avengers-Initiative“ vermitteln sollen. Diese Missionen erinnern stark an Game-as-a-Service-Titel wie Destiny oder Anthem. Wir werden hier in auf eine große Map geworfen, müssen verschiedene Missionspunkte abarbeiten, können aber auch von der Route abweichen und ein wenig herumsuchen und das ein oder andere Nebenziel erledigen. In diesen Missionen geht es deutlich weniger um die Handlung der Story, als um die reine Vernichtung von A.I.M-Truppen und dem Sammeln von Erfahrungen. Diese sind vor allem für den Multiplayer gedacht und sollen mit anderen Spielern bestritten werden, können aber zur Not auch mit KI-gesteuerten Figuren bestritten werden.

Genauso schade ist es auch, dass gerade in den Kämpfen der Titel eine seiner größten Schwächen besitzt. Zwar verfügt jede Figur über zehn Fertigkeitsbäume, mit denen sich die Talente und Kräfte jedes einzelnen verbessern und anpassen lassen, allerdings geht nicht viel über das Runterhämmern von Tastenkombinationen und Nahkampfangriffen, um gegen die teils riesigen Gegnerwellen anzukommen. Zudem fehlt es den Figuren im Kampf an der passenden Handhabung, so unterscheiden sich Hulk und Black Widow in dem zugefügten Schaden kaum, was nicht ansatzweise passend sein dürfte. Umso verwunderlicher ist es allerdings, dass etwa manche Türen sich nur von bestimmten Figuren öffnen lassen, sind sie etwa brüchig und benötigen große Kraft, fallen Iron Man und Black Widow schon mal raus. Gerade wenn man alleine spielt ist das sehr störend, denn manche Bereiche sind so für uns nicht zu erreichen. Und ein Wechsel des gespielten Charakters innerhalb des Teams ist nicht möglich, warum auch immer. Diese Möglichkeit wäre in der ein oder anderen Situation durchaus ansprechend gewesen und fehlt einfach.

Somit fehlt es dem Titel an wirklicher Abwechslung, was leider dazu führt, dass wir von einem monotonen Leveldesign auf Dauer gelangweilt werden und schnell die Lust verlieren können. Wir bewegen uns nur durch eine Handvoll ausgewählter Areale und spulen im Kern immer das gleiche Programm ab. Es bleibt abzuwarten, inwieweit Square Enix und Crystal Dynamics hier noch weitere Gebiete und Missionen einfügen werden, um das Erlebnis zu erweitern. Die Pläne dazu sind jedenfalls recht ehrgeizig, wie der Entwickler verspricht.

Looten und Leveln, alles für die Stats

Damit wir zumindest noch einen kleinen Ansporn geboten bekommen, um den Titel weiter zu verfolgen, bietet man uns verschiedene Herausforderungen und Missionsreihen im Rahmen der „Avengers Initiative“, sowie für jede Figur eine eigene sogenannte Heldenkarte, eine Sammlung verschiedener aufeinander folgender Belohnungen. So bekommen wir etwa Aufgaben wie „Besiege 50 A.I.M.-Truppen“, „Öffne 3 Kisten“ oder „Schließe eine Warzone-Mission ab“, die uns dazu animieren sollen, die entsprechenden Missionen in Angriff zu nehmen und bereits abgeschlossene Level ggf. mehrmals durchzuspielen. Durch ihren Abschluss sammeln wir nicht nur Erfahrung und Ansehen in den zwei Fraktionen von SHIELD und dem Widerstand, sondern schalten auch Objekte frei, die in ihrer Art sehr abwechslungsreich sind. So gibt es Comics, Einträge in der Database oder neue Embleme und Emotes als Sammelobjekte, aber auch neue Ausrüstungsobjekte für unsere Helden, mit denen wir ihre Stats immer weiter verbessern und mit speziellen Fertigkeiten ausweiten können, wie etwa Kryoschaden oder kurzeitiger Unverwundbarkeit. Was wir allerdings nicht verstehen ist die Tatsache, dass die Änderung der Ausrüstung zwar die Eigenschaften verändert, die Optik jedoch nicht, was dazu führt, dass wir unsere Figuren einfach immer mit den stärksten Objekten ausstatten, anstatt länger an einem festhalten. Es fehlt auch die wirkliche Motivation, nach neuen Gegenständen Ausschau zu halten, da wir sie regelmäßig überall finden oder von Feinden fallen gelassen bekommen, also regelrecht überschüttet werden. 

Mikrotransaktionen und kein Ende

Natürlich lässt sich aber auch die Optik aller Helden anpassen, indem man neue Kostüme entweder auf ihrer jeweiligen Heldenkarte freischaltet, zufällig Muster im Laufe eines Levels findet oder aber im Rahmen von Mikrotransaktionen für echtes Geld freischaltet. Schließlich will man bei Square Enix ja auch ein wenig Geld verdienen. Auch die Namensschilder und Emotes lassen sich so freischalten. Allerdings lassen sich die Outfits immer nur im Gesamtpaket verändern, anstatt nur einzelne Bestandteile, obwohl eine kurze holographische Darstellung im Menü über die Figuren gelegt wird. Es fehlt hier einfach das richtige Gefühl dafür, einen neuen Gegenstand anzulegen, weshalb man es auch nicht wirklich nachvollziehen kann, warum Square Enix sich zu diesem Schritt entschieden hat. Wir tippen mal ganz stark auf den Faktor Geld.

Das Problem mit dem MCU, Leistung oder Auflösung

Wer heutzutage an die Avengers denkt, der sieht vor sich die Figuren aus dem MCU, gespielt von Robert Downey Jr., Mark Ruffalo und Co. Ihre Darbietung hat die Helden nachhaltig geprägt, weshalb auch in vielen Comic- und Animationsfilmen auf die entsprechende Optik oder Synchronisation so weit wie möglich zurückgegriffen wird. Da der Titel Marvel’s Avengers allerdings unabhängig vom MCU ist, hat man sich bei Square Enix und Crystal Dynamics für einen eigenen Stil der jeweiligen Charaktere entschieden. Das hat zur Folge, dass man sich zum einen optisch erst einmal an die neue Darstellung gewöhnen muss. So sieht Steve Rogers etwa eher aus wie ein Dad mittleren Alters statt wie ein Supersoldat, und Tony Stark hat einen leicht spanischen Touch. Hinzu kommt, dass auch die Stimmen sehr ungewohnt erscheinen und man diese nicht immer direkt der passenden Figur zuordnen kann. Man hat dadurch zwar keinen wirklichen Nachteil, es stört aber die Atmosphäre und die Identifikation mit den Charakteren ungemein.

Marvel’s Avengers

Ein weiteres Problem des Titels besteht darin, zumindest in unseren Tests, dass wir immer wieder mit Performance-Problemen zu kämpfen hatte, besonders im Modus „Auflösung“. Einbrüche der Framerate, stockende Texturen und lange Ladezeiten waren die Folge, alles untermalt von einer tosend lauten PlayStation 4 Pro, dass man die Soundeffekte kaum noch wahrnehmen konnte. Zum Glück bietet der Titel uns die Möglichkeit auch auf die Option „Leistung“ umzusteigen, da halten sich die optischen Probleme in Grenzen. Trotzdem ist es Schade, dass wir mit solchen Problemen zu kämpfen haben, besonders bei einem Titel, der zum Ende der Ära erscheint. Man darf gespannt sein, was kommende Updates sowie das kostenfreie Upgrade auf die PS5 noch herausholen werden. Was die reine grafische Darstellung der Figuren und Level angeht hat sich „Marvel’s Avengers“ kaum etwas vorzuwerfen. Die Figurenmodelle und Effekte sehen sehr gut aus, sowohl in den Zwischensequenzen als auch im laufenden Spiel. Die Umgebungen laden allesamt zum Stöbern ein, sind aber häufig sehr verworren und unübersichtlich, wodurch wir uns schnell verlaufen und nicht immer direkt den richtigen Weg finden. Eine Karte der Areale wäre hier durchaus hilfreich gewesen. 

Insgesamt bekommen wir aber eine doch ganz solide Atmosphäre geboten, die zum einen stark von der wirklich guten Story lebt, zum anderen aber auch von dem Gefühl immer mächtiger zu werden, wenn wir im Level aufsteigen, unsere Fertigkeiten und Spezialangriffe verbessern und uns mit neuen Objekten ausrüsten. Im Laufe der Zeit werden wir und unsere KI-Kameraden zu einem wirklich mächtigen Team, welches die Avengers in der Regel auch darstellen sollten. Leider müssen wir jeden Helden einzeln aufleveln, die XP werden nicht innerhalb des Teams geteilt. Da kann es schon mal vorkommen, dass man eine hochgelevelte Black Widow besitzt, dafür aber einen ziemlich schwachen Hulk auf niedriger Stufe. Wir hätten hier ein anderes Vorgehen schöner gefunden.

Darüber hinaus bekommt man eine ganz solide Soundqualität was die Effekte angeht, sowie eine ganz gelungene Untermalung der Szenen mit entsprechender Musik. Die Geräusche von Tonys Repulsoren oder Thors Hammer sind wirklich gut umgesetzt worden und untermalen die entsprechenden Moves der Figuren. Dazu passen auch die kleinen Eigenheiten der Charaktere, wie etwa, dass man mit Thors Hammer Gegner fixieren, mit Hulk und Kamala Feinde greifen und im Iron Man-Anzug umherfliegen kann. Die Figuren besitzen so alle auch einen eigenen Kampf- und Spielstil, wodurch für jeden etwas geboten wird.

Insgesamt bleibt es auch damit bei einer soliden Atmosphäre, die allerdings unter dem eintönigen Leveldesign im Endgame, den ungewohnten Darstellungen der Charaktere sowie dem unausgewogenen Kräfteverhältnis leidet. Auch die fehlende Möglichkeit einzelne Gegenstände optisch auszutauschen fehlt einfach; ein Schritt, den man gar nicht nachvollziehen kann. Da helfen auch die Performance-Probleme nicht wirklich weiter. Immerhin besitzen die Level und Charaktermodelle einige Details und sind insgesamt sehr gut angelegt, wie es sich für eine AAA-Titel gehört.

Hinweis: Erst kürzlich ist ein umfassender Patch erschienen, der zahlreiche Fehler korrigiert. Nicht alle davon konnten im Review noch berücksichtigt werden.

TEST: Marvel’s Avengers – Heldenhaft & ausbaufähig
“Es ist ein enormer Druck, der auf Marvel’s Avengers lastete. Schon lange warteten die Fans auf einen Titel um ihr liebstes Superheldenteam und hofften auf ein absolutes Highlight. Bereits im Rahmen der Open Beta konnten die Spieler einen ersten Blick erhaschen, wurden aber dabei nicht angeheizt, sondern eher ein wenig verschreckt. Ein Gameplay, dass sowohl Einzelspieler als auch Multiplayer in einem sein will, dabei es aber nicht schafft, komplett zu überzeugen. Wenn bei einem Game-as-a-Service-Titel das positivste Element die Story ist, dann läuft unserer Ansicht nach irgendwo deutlich etwas schief. Es wurden viele Entscheidungen getroffen, die dem Titel nicht wirklich geholfen haben: ein monotones Gameplay in der „Avengers Initiative“, der Wechsel der Outfits nur im gesamten und nicht durch einzelne Ausrüstungsobjekte, verbunden mit Mikrotransaktionen, ein unausgewogenes Kräfteverhältnis der Charaktere untereinander und noch die ein oder andere Fehlentscheidung, unter all dem leiden die Atmosphäre und der Antrieb, sich wieder in die Schlacht zu stürzen. Dafür bekommen wir ein ansprechendes Fertigkeitensystem geboten, welches für viele Möglichkeiten und Anpassungen sorgt, sowie eine Vielzahl an Herausforderungen, welche uns in einem ansprechenden Maße für unsere Errungenschaften entlohnen. Alles in allem fehlt dem Titel bisher aber das gewisse Etwas, was zum Beispiel Marvel’s Spider-Man besitzt, dass uns wirklich lange fesselt und von vorne bis hinten überzeugt. Man darf hoffen, dass ggf. noch die weiteren Updates den Titel zu dem machen, was er hätte sein können.”
7.5