
Wie weit ist man bereit zu gehen, um Kunst zu erschaffen, die wirklich von einem selbst stammt und sich nicht den Regeln des Markts beugt? Diese Frage stellt „Project Songbird“, das neue Spiel von Solo-Entwickler Conner Rush und seinem kleinen Studio FYRE Games.
Rush, der auch hinter den Indie-Spielen „We Never Left“ und „Summerland“ steckt, hat mit diesem Titel sein bislang ambitioniertestes Werk abgeliefert. Das cineastische First-Person-Horrorspiel, das tief in Themen wie kreative Erschöpfung, Depression, Trauer und künstlerische Identität eintaucht, führt uns etwa vier bis fünf Stunden in die Wälder von West Virginia. Das Ergebnis hat zwar durchaus seine Probleme, weiß aber besonders bei der Geschichte zu überzeugen.
Ein Song für die eigene Seele
Im Spiel schlüpfen wir in die Rolle von Dakota, einer Songwriterin, die den Funken verloren hat, der ihr einst eine treue Fangemeinde eingebracht hat. Auf Anraten ihres Produzenten zieht sie sich in eine Hütte in den Hügeln von West Virginia zurück, um dort an neuer Musik zu arbeiten. Bei diesem Rückzug stellt sich Dakota nicht nur ihrer Schreibblockade und den Existenzängsten einer Künstlerin, sondern auch persönlichen Dämonen.
Mit der Zeit verschmelzen diese Themen mit der Realität und Dakota findet sich immer wieder von merkwürdigen Phänomenen und albtraumhaften Episoden verfolgt. Die Geschichte wird in erster Linie durch Monologe von Dakota und Dialoge mit anderen Charakteren erzählt. Die Gespräche werden dabei in der Regel über Walkie-Talkies oder Telefone geführt, sodass das Gefühl der Einsamkeit dennoch erhalten bleibt.

Die Geschichte selbst ist dabei nicht allzu überraschend oder wendungsreich, aber besonders aus emotionaler Sicht sehr gut geschrieben. Wer sich selbst schon mal mit solchen Themen auseinandergesetzt hat, wird sich in vielen Aussagen der exzellent eingesprochenen Figuren wiederfinden. Dabei wird es selten plump oder kitschig, stattdessen bleibt es stets nahbar und nachvollziehbar.
Atmosphäre schlägt Hochglanz
Rein technisch reißt „Project Songbird“ keine Bäume aus, die Atmosphäre alleine in den Wäldern kommt aber trotzdem hervorragend rüber. Die ganze Optik des Spiels erinnert an einen Film oder eine nostalgische Erinnerungssequenz. Das Spiel mit Licht und Schatten ist zudem immer wieder geschickt eingesetzt, um ein Gefühl der Bedrohung zu vermitteln. Nachts ist man oft nur mit einer Taschenlampe unterwegs, die auch noch ständig leer ist.
Ein Problem des Looks ist, dass nicht immer ganz klar ersichtlich ist, welche Elemente der Spielwelt interaktiv sind. Das lädt natürlich einerseits zum Erkunden ein, kann aber in manchen Sequenzen auch zu Frust führen, wenn man einfach nicht weiterkommt.
Ein wichtiges Element ist auch der erstklassige Soundtrack des Spiels. In einem Titel, in dem es um Musik geht, darf selbige natürlich nicht fehlen, und die Auswahl der Stücke ist hier wirklich gelungen. Die Songs fiktiver Indie-Künstler passen immer wieder perfekt zu den Themen, mit denen sich Dakota herumschlägt. Zudem gibt es eine Reihe von Schallplatten, die man finden und selbst auflegen kann.
Zwischen Erkundung, Rätsel und holprigen Kämpfen
„Project Songbird“ fühlt sich ein wenig an wie eine Mischung aus Firewatch und Silent Hill. Man kann die unmittelbare Umgebung der Hütte erkunden, auch wenn diese nicht sonderlich weitläufig ist. Im Verlauf der Geschichte müssen Rätsel gelöst werden, wie sie für das Survival-Horror-Genre typisch sind. Dafür muss man meist bestimmte Gegenstände finden und dann an der richtigen Stelle nutzen.

Die Puzzles sind größtenteils gut in die Spielwelt eingebunden und fühlen sich nur selten aufgesetzt an. Abseits davon gibt es immer wieder Stellen, in denen man sich vor Monstern verstecken oder neue Umgebungen erkunden muss. All das funktioniert gut und macht durchaus Laune, was man von den Kämpfen hingegen nur bedingt behaupten kann.
Der Kampf ist der schwächste Teil des Spiels: Dakota erhält früh eine Axt, später einen Revolver und ein Jagdgewehr. Doch sowohl Schuss- als auch Nahkampf fühlen sich schwerfällig und unbefriedigend an. Die mangelnde Abwechslung bei den Feinden trägt ihr Übriges dazu bei. So erfüllen die Konfrontationen zwar ihre Rolle als Adrenalinspritzen, man ist aber auch immer wieder froh, wenn sie dann vorbei sind.
Es soll wohl im die 15€ kosten. Spätestens im Angebot könnte man es sich gönnen.