Ubisoft steht unter Druck – wirtschaftlich und intern. CEO Yves Guillemot hat nun einen klaren Dreijahresplan vorgelegt: Der Publisher wird in fünf sogenannte „Creative Houses“ aufgeteilt, parallel sollen über 200 Millionen Dollar eingespart werden. Nach mehreren Projektabbrüchen, Verzögerungen und Strategiewechseln geht es um nichts weniger als Glaubwürdigkeit.
Die Maßnahme ist kein Feintuning, sondern ein struktureller Eingriff in die gesamte Organisation. Was sich aktuell hinter den Kulissen abspielt, verrät ein Interview mit Ubisoft co-Co-Founder and CEO Yves Guillemot gegenüber Variety.
Creative Houses: Mehr Verantwortung, mehr Risiko
Kern des Umbaus ist die Aufteilung in eigenständige Einheiten mit voller Ergebnisverantwortung (P&L). Jede Creative House soll ihre Marken nicht nur entwickeln, sondern wirtschaftlich tragen. Das ist ein klarer Bruch mit der bisherigen, stärker zentralisierten Steuerung.
Ein prominentes Beispiel ist Vantage Studios. Diese Einheit wurde bereits als eigenständige Tochtergesellschaft aufgesetzt, mit eigener rechtlicher Struktur. Laut Guillemot sollen die Teams dadurch „voll auf ihre Franchises fokussiert“ arbeiten können. Übersetzt: weniger Abstimmungsschleifen, schnellere Entscheidungen und klarere Verantwortlichkeiten.
In der Praxis bedeutet das aber auch: Wer liefert, bleibt. Wer scheitert, steht schneller zur Disposition. Kreative Autonomie klingt gut, geht aber mit höherem wirtschaftlichem Druck einher.
Die großen Marken bleiben Dreh- und Angelpunkt. Unter dem Dach von Vantage laufen unter anderem mehrere Projekte zu Assassin’s Creed, zudem sind neue Ableger von Far Cry in Arbeit. Tom Clancy’s Rainbow Six Siege wiederum verzeichnet laut Ubisoft aktuell rund 2,5 Millionen tägliche Spieler, ein Bestätigung, dass Live-Service weiter eine tragende Rolle spielt.
200 Millionen Dollar weniger
Parallel zur Reorganisation plant Ubisoft zusätzliche Kostensenkungen in Höhe von rund 235 Millionen Dollar. Das kommt zu bereits erfolgten Entlassungen und Studioschließungen hinzu. Offiziell spricht das Unternehmen von „selektiver Restrukturierung“ und freiwilligen Abgängen.
Realistisch betrachtet heißt das: Projekte werden früher beendet, Personalstruktur wird gestrafft, Risiken werden minimiert. Sechs Spiele sind bereits gestrichen worden, darunter das lange verschobene Remake von Prince of Persia: The Sands of Time. Laut Guillemot passten diese Titel nicht mehr in das überarbeitete Qualitäts- und Portfolio-Konzept. Das klingt nach Qualitätsfokus, gleichzeitig zeigt es, wie volatil interne Planungen zuletzt waren.
Tencent, KI und die Frage nach der Zukunft
Strategisch setzt Ubisoft stärker auf Partnerschaften. Tencent bleibt ein zentraler Partner, insbesondere für den chinesischen Markt. Guillemot betont die operative Unabhängigkeit – Tencent sei nicht in das Tagesgeschäft eingebunden. Fakt ist jedoch: Der Zugang zum asiatischen Markt ist ohne lokale Expertise kaum skalierbar.
Technologisch investiert Ubisoft weiter in KI. Das interne Experiment „Teammates“ soll adaptive Spielerlebnisse ermöglichen. Laut dem CEO ist die Technologie bereits für Entwicklerteams verfügbar. Entscheidend wird sein, ob daraus echte Gameplay-Mehrwerte entstehen oder nur effizientere Produktionsprozesse. Die Sorge vieler Mitarbeiter ist, dass KI mittelfristig Stellenprofile verändern könnte.
Auch außerhalb klassischer Games expandiert Ubisoft. Eine Live-Action-Serie zu Assassin’s Creed bei Netflix, eine neue Staffel von Splinter Cell: Deathwatch sowie Film- und Serienprojekte zu Watch Dogs und Far Cry zeigen: Die IP-Verwertung geht weit über Konsolen hinaus.
Notwendiger Schnitt – mit offenem Ausgang
Ubisoft reagiert auf reale Probleme: zu viele Projekte, steigende Kosten und schwankende Qualität. Die Creative-House-Struktur kann Entscheidungswege verkürzen und Verantwortlichkeiten klären. Auch die stärkere Fokussierung auf Kernmarken ist wirtschaftlich nachvollziehbar.
Auf der Contra-Seite stehen hohe Einsparungen, gestrichene Projekte und interne Unruhe. Struktur allein erzeugt keine kreativen Hits. Wenn der Umbau vor allem Kosten senkt, aber kein inhaltliches Profil schärft, droht der nächste Strategiewechsel.
Die nächsten zwei bis drei Jahre werden zeigen, ob Ubisoft wieder planbarer liefert oder weiter zwischen Live-Service-Druck und Singleplayer-Erwartungen balanciert. Für Spieler zählt am Ende nur eins: konstante Qualität. Für Investoren: Stabilität. Beides muss diesmal gleichzeitig gelingen.

Das Unkraut sieht einfach nicht ein, dass es genug in der Branche gewuchert hat.