Von nuklearen Sprengkörpern und zweckentfremdeter Technik – Die Geschichte des ersten Videospiels

Wir sind von Videospielen sprichwörtlich umgeben – Daheim wartet unser Computer, zwischen Couch und Fernseher steht die Konsole und selbst unterwegs greifen wir zum Handheld oder zum Smartphone. Die meisten Gamer sind mit Videospielen aufgewachsen und erinnern sich noch an die graue Vorzeit irgendwo zwischen Atari 2600 und dem Super Nintendo. Doch die Geschichte von elektronischer interaktiver Unterhaltung reicht noch weiter zurück und auch der Monat Oktober hat hier eine besondere Bedeutung, denn im Oktober 1958 entwickelte ein Wissenschaftler das nach herrschender Meinung erste Videospiel der Welt.

Von der ersten Atombombe zum ersten Videospiel

Der amerikanische Physiker William Higinbotham hat zwei Gesichter. Zum einen war er Teil des Teams, dass die wohl verheerendste Massenvernichtungswaffe unserer Geschichte entwickelte: Die Atombombe. Zum anderen war er Erfinder des ersten Unterhaltungsmediums, welches der modernen Definition eines Videospiels entspricht.

Von 1951 bis 1968 arbeitete er als Chef der Instrumentierungsgruppe im Brookhaven National Laboratory. Das Institut lud jährlich zu einem Tag der offenen Tür ein, wofür jedes Mal eine große Ausstellung vorbereitet wurde. Higinbotham war der Auffassung, dass ein interaktives Ausstellungsstück für die Besucher viel aufregender wäre und gleichzeitig besser über die angewandte Technologie informiert. Das Ziel seines Werkes war außerdem es außerdem zu beweisen, dass es in der Wissenschaft nicht allein um Krieg und Zerstörung geht. Ob dies für ihn eine Art Katharsis darstellte, die ihn von der seelischen Last der Atombombe befreien sollte, liegt nahe.

Tennis for Two

Die Instrumentierungsgruppe verfügte über analoge Computer, die Flugbahnen unter Berücksichtigung der Schwerkraft berechnen konnten. Die entstehenden Kurven konnten mithilfe von Kathodenstrahlröhren-Monitoren sichtbar gemacht werden. In nur wenigen Stunden konzipierte Higinbotham hiermit ein Tennisspiel, bei dem aus einer seitlichen 2D-Perspektive ein Tennisball von einem Bildschirmrand zum anderen springt. Als Monitor diente das runde 5“-Display eines Oszilloskops – Ein Messgerät, welches Schwingungen zum Beispiel bei der Messung elektronischer Spannung oder von akustischen Signalen sichtbar macht.

Die technische Umsetzung des Projektes dauerte etwa zwei Wochen – Man vergleiche das mit den mehreren Jahren, die Teams von über 1.000 Entwicklern und Designern für heutige AAA-Titel benötigen. Klar, es gab weder Sound noch Voice-Over und die Grafik beschränkte sich auf zwei Linien (eine lange Horizontale für den Boden, eine kurze Vertikale für das Netz) und einen umherspringenden Punkt, der den Tennisball darstellte. Dennoch kann gesagt werden, dass das erste Videospiel bereits eine funktionierende Physik-Engine enthielt. Zwei analoge Computer dienten hierbei als Controller mit je einem Drehknopf zum Einstellen des Schlagwinkels und einem Knopf, um den Ball zu schlagen. Die Schläger waren hierbei nicht sichtbar. Wenn der Ball das Spielfeld verließ, wurde der Reset-Knopf gedrückt. Punkte mussten Spieler dabei selber zählen.

Auf der Ausstellung entwickelte sich Tennis for Two schnell zur Hauptattraktion und hunderte Studierende standen Schlange, um das Spiel auszuprobieren. Mit so viel Erfolg rechnete selbst Higinbotham nicht. Für die Ausstellung im Folgejahr kam erneut Tennis for Two zum Einsatz – Diesmal mit größeren Oszilloskop-Display und mit drei verschiedenen Schwerkraft-Simulationen: Erde, Mond und Jupiter. Damit war Tennis for Two wohl gleich auch das erste Spiel mit Post-Release-Patch.

Higinbotham sah seine Erfindung zwar als Erfolg, jedoch nicht als besonderes innovativ. Trotz der hohen Beliebtheit bei den Besuchern der Ausstellung meldete er hierfür kein Patent an und die Idee für Tennis for Two verschwand in den Archiven des Labors. Das Oszilloskop und die Computer wurden für andere Experimente verwendet. Higinbotham konnte den immensen Erfolg von Videospielen knappe 20 Jahre nach seiner Erfindung nicht vorhersehen.

Entstehung der Videospielindustrie

Das Konzept für ein 2D-Tennisspiel wurde später durch den deutsch-amerikanischen Ingenieur Ralph Henry Baer aufgegriffen. Er entwickelte zwischen 1966 und 1968 den Prototypen für die erste Videospielkonsole für zuhause: Die Magnavox Odyssey. Der erste Titel für diese Konsole war Table Tennis, welches stark an Tennis for Two erinnerte. Gleichzeitig erfuhr der Entwickler Atari weltweite Berühmtheit mit seinem Arcade-Klassiker Pong. Durch seine hohe Beliebtheit und die weltweite Vermarktung ist Pong heute oft fälschlicherweise als das erste Videospiel bekannt. Erst mit den 1970ern entstand der kommerzielle Aspekt der Industrie, die gleich auch einen Boom erfuhr, bis sie erstmals 1983 zusammenbrach.

Nach aktuellen Trends könnte die Videospielindustrie bis 2025 ganze $300 Mrd. wert sein, mehr als doppelt so viel wie 2018. In weniger als 70 Jahren wurden lustige Experimente zu Kernbestandteilen unserer tagtäglichen Unterhaltung und neueste Durchbrüche in VR und Cloud Gaming werden ohne Frage schon in naher Zukunft Einfluss auf die Art und Weise haben, in der wir mit Videospielen interagieren.

Gastartikel by Nico Jakobs