Wenn John Gibson heute von „Entertainment First“ spricht, klingt das zunächst harmlos, fast schon sympathisch. Wer will schließlich keine Spiele, die primär unterhalten, statt zu belehren? Doch das Interview, das der Ex-Tripwire-Boss (Killing Floor) kürzlich Wccftech gegeben hat, ist weniger eine nüchterne Standortbestimmung als vielmehr ein altbekanntes Narrativ – neu verpackt, bewusst zugespitzt und klar adressiert.
Gibson, Mitgründer und Ex-CEO von Tripwire Interactive, war 2021 nach einer öffentlichen Kontroverse um einen Tweet zum Texas Heartbeat Act zurückgetreten. Danach wurde es ruhig um ihn. Nun ist er zurück, als Kopf von Templar Media, dem neuen Publisher und Eigentümer des Studios Bible X, das am christlich geprägten Spiel Gate Zero arbeitet. Allein das ist bereits eine klare inhaltliche Positionierung, auch wenn Gibson sie rhetorisch zu negieren versucht.
Entertainment First als Kampfbegriff statt Designphilosophie
Der zentrale Aufhänger des Interviews ist der Slogan „Entertainment First“. Gibson beklagt, moderne Spiele würden zunehmend politische oder gesellschaftliche Agenden transportieren, statt sich auf Spaß, Spielmechaniken und Eskapismus zu konzentrieren. Früher – so sein wiederkehrendes Argument – seien Filme wie Star Wars oder Spiele wie Zelda einfach Unterhaltung gewesen. Heute hingegen werde der Spieler „belehrt“.
Spätestens mit dem expliziten Seitenhieb auf Dragon Age: The Veilguard fällt diese Argumentation jedoch in sich zusammen. Gibson kritisiert eine Szene, in der eine Figur über ihre nicht-binäre Identität spricht und Pronomen thematisiert werden. Das sei Politik und störe den Spielfluss, was ein Großteil der Spieler nicht möchte. Es geht ihm also nicht um „agendafreie Unterhaltung“, sondern um die Ablehnung ganz bestimmter Inhalte.
Denn das ist der entscheidende Punkt: Nicht jede Form von Weltsicht wird als Agenda wahrgenommen, nur die, die nicht der eigenen entspricht. Gibson spricht von einer „unterrepräsentierten Mehrheit“, die sich von modernen Spielen nicht mehr abgeholt fühle. Zwar liefert er keine Belege, doch die von ihm beschriebene Frustration unter Spieler existiert tatsächlich, ob sie allerdings eine Mehrheit darstellt, bleibt unklar. Stattdessen konstruiert er ein Gegeneinander: einerseits eine angeblich monolithische, progressive Entwicklerlandschaft, andererseits ein schweigendes Publikum, das einfach nur spielen will. Das ist ein bequemes Marktargument, und eines, das seit Jahren in Kulturdebatten kursiert.
Keine Agenda, außer der eigenen?
Besonders widersprüchlich wirkt diese Haltung vor dem Hintergrund von Gate Zero. Ein explizit christlich geprägtes Spiel ist definitionsgemäß weltanschaulich. Das ist nicht per se problematisch. Problematisch wird es erst, wenn genau diese Perspektive als „neutral“ oder „agendafrei“ verkauft wird, während andere Inhalte als ideologische Zumutung gelten.
Im Endeffekt liest sich das Interview weniger wie ein Aufruf zu besserem Game-Design, sondern wie eine gezielte Positionierung im aktuellen Kulturkampf der Games-Branche. Gibson sucht kein breites Publikum, sondern ein spezifisches, und benennt dessen Frustrationen offen, auch auf die Gefahr hin, komplexe Themen stark zu verkürzen. Das ist legitim, ehrlicher wäre es jedoch, es auch so zu nennen. Denn „Entertainment First“ ist hier kein neutraler Qualitätsanspruch, es ist ein Label. Und eines mit klarer Schlagrichtung.

