TEST: Kholat – Wenn die Kälte deine geringste Sorge ist

Was Geschichtenerzählungen angeht, sind Filme wohl das fast älteste und interessanteste Medium auf dem Markt. Viele sind recht übertrieben oder erfunden, andere erzählen eine wahre Begebenheit. Doch was passiert, wenn wir wahre Geschichte die Handlung für ein Videospiel liefert? In der Vergangenheit sind solche Experimente nicht sonderlich aufgefallen, doch die Jungs von „IMGN.PRO“ haben mit „Kholat“ einen bisher einzigartigen Versuch gewagt, genau das anzustellen. Dabei schafft es der Indie-Titel die in Russland stattfindende Geschichte zu erläutern und sogar auf seine eigene Art und Weise aufzuklären. Wie dieses Experiment bei uns abschneidet, könnt ihr in unserem Review nachlesen.

Kholat (1)

Es war einmal in Russland, nördlich vom Ural…

Neun Leichen, keine äußeren Schäden, ein von innen zerrissenes Zelt und viele ungeklärte Fragen sind damals auf dem Berg „Kholat Syakhl“ gefunden worden. Bis heute stellt die damalige Expedition der jungen Studenten viele Theorien auf – manche sind teilweise nachvollziehbar, andere erzählen von übernatürlichen Kräften oder gar einem Yeti. „Kholat“ bedient die übernatürliche Sparte und setzt den Focus auf übermenschliche Effekte, was man nach einer Spielstunde deutlich merkt. Dabei wird in der Handlung sehr viel Spannung aufgebaut, um die Hintergründe hinter diesen Geschehnissen möglichst weiter hinauszuzögern. Anfangs schaffen es die Entwickler tatsächlich sogar Horror-Elemente hineinzupacken, die dank der Einsamkeit unseres Protagonisten noch verstärkt werden.

Mit der Zeit jedoch müssen wir so viel hin und her rennen, dass die Handlung nach und nach immer in den Hintergrund rückt, wobei zeitgleich Ermüdungserscheinungen auftreten. Im Endeffekt rennen wir ziellos umher und sammeln umherliegende Blätter eines Notizblocks, die nach und nach die Story erklären und den Gedanken in eine bestimmte Richtung lenken. Belohnt wird man erst, wenn wir uns gegen Ende der Handlung befinden und irgendwann der Plot angesetzt wird. Dabei stellt sich heraus, dass die Geschichte so sehr von ihrem Ende lebt und sich sogar größtenteils darauf verlässt, dass man die Hauptstory schon fast vernachlässigt hat.

Kholat (2)

Verwirrend und minimalistisch

Wie ich bereits erwähnt habe, besteht eure Aufgabe darin, weitere Hinweise auf das Verschwinden der Studenten zu finden, die in Form von Blättern auf dem gesamten Berg herumliegen. Uns steht eine riesige Fläche zum Erkunden bereit, da liegt es nahe, dass die Karte für die Orientierung wichtig sein könnte. Leider gibt es genau da einen ganz großen Minuspunkt, denn die Kartenfunktion ist so unübersichtlich, dass man große Schwierigkeiten dabei hat, sich zurechtzufinden und den eigenen Standort zu lokalisieren.

Die einzigen Elemente, die auf der Karte markiert werden, sind die bereits besuchten Zelte, andere Hinweise bleiben komplett aus. Den eigenen Standort und die Möglichkeit zum Markieren von Standorten hätte man zumindest noch einbauen können, um der Karte so auch einen Sinn zu verleihen. Andernfalls irrt man stundenlang auf der gesamten Karte umher, um irgendwo ein Ereignis auszulösen – so macht Storytelling kein Spaß und endet vielmehr in Frustration.

Positiv finde ich die Entscheidung, das Erkundungssystem minimalistisch zu halten und auf Kampfsequenzen und andere Items zu verzichten, womit die Handlung wieder mehr in den Vordergrund rückt. Ich hätte mir aber trotzdem eine Möglichkeit zum Springen gewünscht, zumal es dadurch viele Abkürzungen geben und sich die Frustration durch das ewige Rumrennen in Grenzen halten würde.

Kholat (3)

Weniger Grafik, mehr Atmosphäre …

Optisch bewegt sich „Kholat“ leider auf dem durchschnittlichen PS3-Niveau, um es ganz einfach zu sagen. Kantige Texturen, kaum Details und öfters werden diese sogar gar nicht bis sehr spät nachgeladen. Nach einiger Zeit werden diese Probleme jedoch zweitrangig, da man nicht auf optische Meisterwerke, sondern eher auf die dichte Atmosphäre setzt. Das Letztere schaffen die Macher in jeder Hinsicht und bedienen sich mit vielerlei Horror-Elementen, bei denen ihr mit einer Taschenlampe bewaffnet und alleine in einem dunklen, mit Schnee bedeckten Gebirgspass umher irrt. Beim ersten Start war mir klar, dass irgendwo ein Gegner zu finden ist, wobei ich nicht wusste was es genau sein soll. Diese Unwissenheit sorgte bei mir für Schock-Momente und verstärkte die aussichts- und hoffnungslose Lage unseres Protagonisten.

Soundtechnisch bietet „Kholat“ die perfekte Kulisse für Atmosphäre, Spannung und viele andere Schock-Momente, bei denen ich die Entwickler schon verflucht habe. Obwohl sich in der Nähe keine Gefahr befindet, steigert sich der Sound so grandios, dass man regelrecht Angst hatte weiterzuspielen – im positiven Sinne gedacht. Die klassische Musik-Untermalung passt sehr gut zum Spiel und allgemein zum Horror-Genre, womit die Macher hinter „Kholat“ viele richtige Entscheidungen getroffen haben. Sie haben erkannt, dass allein durch die Akustik Angst hervorgerufen werden kann und machen es in jeder Situation perfekt vor.

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Entwickler: IMGN.PRO
Publisher: IMGN.PRO
Release: 08. März 2016 (PSN)
Offizielle Homepage: www.kholat.com

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Summary
„Als Indie-Titel macht „Kholat“ vieles richtig, vieles aber auch falsch – die Story steht dabei immer im Vordergrund. Das Horror-Genre möchte „Kholat“ dabei eigentlich nicht bedienen und soll es anfänglich auch nicht. Den Auftrag, eine wahre Begebenheit zu erzählen, erfüllt es dennoch bravourös. Dass es dann doch noch Horror-Elemente in den Spielverlauf geschafft haben, sollte niemanden verwundern, da die eigentliche Handlung dies von sich aus liefert. Was ist mit den Studenten damals geschehen? „Kholat“ interpretiert die Geschehnisse auf eine eigene Art und Weise und gesellt sich daher zu vielen anderen Theoretikern, die meinen, eine für sich selbst logische Erklärung gefunden zu haben. Spielerisch beschränkt man sich fast ausschließlich auf die Erkundung, was auch vollkommen in Ordnung ist. Leider sind einige Features, wie zum Beispiel das Kartensystem, nur bedürftig umgesetzt worden, was der guten Erzählung im Wege steht. Wer aber vorrangig auf Handlung und Atmosphäre einen großen Wert legt, wird mit „Kholat“ durchaus zufrieden gestellt werden.“

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