TEST: Resident Evil Operation Raccoon City

Vor fast genau drei Jahren erschien mit dem fünften Teil das erste Resident Evil für die Playstation 3, welches damals fast ausnahmslos traumhafte Wertungen erhielt. Der sechste Teil steht nun in den Startlöchern und erscheint im Herbst diesen Jahres. Doch so lange müssen sich hartgesottene Fans der Reihe nicht gedulden, um den Ausgeburten der Versuche des Umbrella-Konzerns gegenüber zu treten. So erschien nämlich heute mit „Operation Raccoon City“ das action-lastige Spin-Off der einstigen Gruselreihe, welches wir bereits ausgiebig für euch getestet haben und vorstellen möchten.

Wer die bisherigen Resident Evil-Spiele gespielt hat, der wird zweifelsohne festgestellt haben, dass sich der Fokus der Spieleserie vom Gruselfaktor immer weiter in Richtung actionreiches Gameplay verlagert hat. Ob dies nun positiv oder negativ zu werten ist, bleibt jedem selbst überlassen. Fakt ist jedoch: wem Teil vier und fünf aufgrund von zu viel Action nicht gefallen haben, der kann Raccoon City getrost in den Händlerregalen stehen lassen, denn Gruselmomente gibt es hier kaum noch. Das Franchise stellt vielmehr lediglich die Story sowie den Namen für ein völlig für sich zu betrachtendes und neues Spiel. Trotzdem bleibt der Vergleich an manchen Stellen natürlich nicht aus.

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Die Story des Spiels ist schnell erzählt: ihr seid Teil des Umbrella Security Service (U.S.S.) und steht damit das erste Mal auf der Seite des für den Zombieausbruch verantwortlichen Umbrella-Konzerns. Für diesen erfüllt ihr im Laufe der Kampagne verschiedene Missionen, wobei ihr Beweise, die eine Verbindung zwischen Umbrella und den Zombies herstellen könnten, vernichtet und gegen die Spezialeinheiten der US-Regierung kämpft. Diese wollen den Vorfall nämlich untersuchen und Umbrellas Machenschaften enttarnen, was ihr in jedem Falle verhindern müsst. Ebenso tretet ihr gegen altbekannte und eurem Arbeitgeber gegenüber nicht sonderlich friedlich gesonnene Helden an, die wir euch an dieser Stelle aber nicht verraten wollen. Doch selbstverständlich ist nicht alles menschlich, was euch vor die Flinte läuft…

Bevor ihr in die Kampagne starten könnt, müsst ihr euch zunächst für einen von sechs Charakteren entscheiden. Diese verfügen über verschiedene Fähigkeiten, die der Spieler mit der Zeit durch erworbene Erfahrung freischalten kann. Jeder Charakter besitzt zwei passive Fähigkeiten, die euren Charakter dauerhaft aufwerten. Der Überwacher kann hier beispielsweise lernen, im Umkreis befindliche Gegner und Gegenstände auf der Mini-Map angezeigt zu bekommen. Dies erspart euch das akribische Suchen nach den begehrten Sammelobjekten, die überall in den Missionen mal mehr und mal weniger versteckt verteilt sind, und hält euch durch schnell entdeckte Ausrüstungsgegenstände länger am Leben. Zusätzlich könnt ihr pro Charakter aus einer von drei per Knopfdruck aktivierbaren Fähigkeiten wählen, die euch für ein paar Sekunden einen gewissen Bonus verleihen. Von unendlicher Munition bis hin zur Heilung einer Virusinfektion bei einem Teamkameraden ist hier alles Mögliche vertreten. Alle Fähigkeiten lassen sich zudem bis zu zwei Mal aufwerten, um die Dauer zu verlängern oder den Effekt zu verstärken. Wer bei allen Charakteren alle Fähigkeiten maximieren will, der hat einiges an Spielzeit vor sich. Zum Vergleich: ein kompletter Kampagnenabschluss gewährt euch in etwa so viel Erfahrung, wie ihr für alle Fähigkeiten bei einem Charakter benötigt – und dabei fehlen noch die äußerst teuren Freischaltungen der zahlreichen Waffen.

Habt ihr die Qual der Wahl getroffen und euch für einen von vier Schwierigkeitsgraden entschieden, geht es mit bis zu drei Freunden oder automatisch hinzugefügten Spielern aus aller Welt in die erste Mission. Unverständlich bleibt, wieso ein lokaler Multiplayer fehlt. Lediglich online könnt ihr mit euren Freunden in den Kampf ziehen. Fehlende Mitspieler werden vom Computer gesteuert, damit euer Team stets aus vier Personen besteht. Etwas ärgerlich ist, dass daraufhin zunächst ein recht langer Ladescreen betrachtet werden muss und erst danach das Einführungsvideo à la Call of Duty abgespielt wird. Dies hätte man durchaus verbinden können. Zudem kann das Video nicht abgebrochen werden, was die Zeit bis zum Spielstart zusätzlich in die Länge zieht. Im Spiel findet ihr euren Charakter in der Third-Person-Perspektive wieder, ganz im Stile der letzten beiden Resident Evil-Spiele. Zunächst müsst ihr euch noch die Unterhaltung eures Teams anhören die euch zügig erkennen lässt, dass die deutsche Sprachausgabe zwar nicht die schrecklichste ist, die ihr je gehört habt, jedoch nicht gerade natürlich und daher eher lächerlich wirkt. Diese lässt sich allerdings in den Optionen auf Englisch umstellen und kann mit deutschen Untertiteln versehen werden. Deshalb sollte man dies eher als eine Chance sehen, zum ersten Mal in einem Resident Evil-Spiel deutsche Sprachausgabe wählen zu können.

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Nach dem netten Plausch mit euren Kameraden müsst ihr euch schnell vor den ersten gegnerischen Soldaten Deckung suchen. Hier hat man sich bei der Steuerung für ein sehr einfaches Prinzip entschieden, welches euch letztendlich allerdings das ein oder andere Mal fluchen lassen wird. So gibt es nämlich keinen Steuerbefehl für das Ducken hinter einem Gegenstand, ihr müsst lediglich gegen ein geeignetes Hindernis laufen und geht automatisch dahinter in Deckung. Sobald ihr zielt verlasst ihr die Deckung und könnt schießen. Dies hört sich zwar zunächst einfach an, funktioniert aber in der Praxis nicht wirklich reibungslos, da euer Charakter manchmal nur sehr widerwillig an der gewünschten Position in Deckung geht, in dieser dann nicht immer zielt wenn ihr es wollt und keine Möglichkeit zum schnellen Positionswechsel besteht. Gemeinsam mit eurem Team rückt ihr Stück für Stück in den sehr linearen Missionen vor. Nur die Möglichkeit verschiedene Datensätze im Laufe einer Mission einzusammeln lässt euch ein wenig die Umgebung erkunden und bringt euch daher auch zwischendurch mal in eine leicht abgelegene Ecke. Dies ist für euch interessant, da in die Endwertung auch die Anzahl dieser gesammelten Gegenstände mit einfließt. Ansonsten lauft ihr stets dem Symbol auf eurem Bildschirm hinterher, welches euer nächstes Ziel markiert, und schießt dabei alles nieder, was euch in die Quere kommt. Leider hält sich die Anzahl der unterschiedlichen Gegner jedoch stark in Grenzen. Abgesehen von den sich kaum unterscheidenden Soldaten machen euch neben den klassischen Zombies vor allem Licker und Hunter das Leben schwer. Zwar haben auch Zombiehunde, Tyrants und sogar Nemesis ihren (Kurz-)Auftritt, doch da endet die Gegnervielfalt bereits auch fast. Dies ist besonders schade, da die ständig neuen und abwechslungsreichen Gegner die Reihe stets so interessant gemacht haben und ein paar mehr sicherlich nicht zu viel Aufwand gewesen wären.

Leider halten sich die Kooperationsmöglichkeiten innerhalb des Teams stark in Grenzen. Teilweise merkt man gar nicht, dass jemand dem eigenen Spiel beigetreten ist, da ein Austausch eigentlich nie von Nöten ist. Nur das Wiederbeleben eines gefallenen Teamkollegen und die Heilung der umliegenden Freunde durch ein Spray spielen eine entscheidende Rolle. Ansonsten schießt jeder auf alles, was sich bewegt. Auch die Bosskämpfe enttäuschen auf ganzer Linie, da es bei diesen ausschließlich darum geht, den Gegner besonders oft an eventuell einer einzigen Schwachstelle zu treffen, wobei sich der Kampf von Anfang bis Ende nicht verändert. Komplexe Kämpfe, die einen gewissen Grad an Kooperation benötigen wie es beispielsweise teilweise bei Resident Evil 5 der Fall war, fehlen komplett. Dies ist absolut unverständlich, da der Fokus bei Operation Raccoon City offensichtlich auf dem Multiplayer liegt und mehr kooperative Elemente das Spiel deutlich interessanter gemacht hätten.
Das größte Ärgernis stellt aber – sofern ihr nicht mit drei reellen Spielern gegen eure Gegner kämpft – die KI eurer Teamkollegen dar. Diese laufen gerne mal verzweifelt gegen eine Wand, rennen trotz eigens per Sprachausgabe erteilter Warnung in jede Mine und sterben durch ständiges Stehen im Feuer. Während unseres Tests ist es sogar vorgekommen, dass wir einen computergesteuerten Teamkollegen stetig wiederbelebt haben, da dieser dauerhaft gegen eine brennende Wand gelaufen und darum drei Mal an der gleichen Stelle gestorben ist. Die Entwickler wollen diese gravierenden Mängel durch einen Patch zwar nachbessern – wir berichteten – aber es bleibt abzuwarten, ob sich dieses Versprechen bewahrheiten wird.

Habt ihr die recht kurze Story abgeschlossen – wir brauchten für einen gemütlichen Durchlauf im normalen Schwierigkeitsgrad gerade mal knappe dreieinhalb Stunden – bleibt euch noch die Motivation jede Mission auf dem schwierigsten Schwierigkeitsgrad mit einer perfekten „S+“-Wertung abzuschließen, was euch sicherlich einige Stunden zusätzlich beschäftigen wird. Hierfür müsst ihr die Mission in einer gewissen Zeit absolvieren, genügend Gegner dabei vernichten, ausreichend Gegenstände sammeln und noch dazu selten sterben. Dann könnt ihr euch gut vorbereitet in den Versus-Modus stürzen, indem ihr euch mit eurem Team online gegen das gegnerische Team in vier verschiedenen Spielmodi messt.

Dieser Multiplayer macht einen großen Teil des Spielspaßes bei Operation Raccoon City aus. Zur Wahl stehen ein klassisches Team-Death-Match, eine Art Capture-the-Flag bei dem ihr Virusproben erobern müsst, ein „Helden“-Modus bei dem die bekannten Helden des gegnerischen Teams möglichst schnell getötet werden müssen und zuletzt ein „Überlebende“-Modus, bei dem im nahenden und rettenden Helikopter nicht ausreichend Platz für alle Spieler ist und daher alles daran gesetzt werden muss, diesen vor seinen Gegnern zu erreichen. In allen Spielarten machen euch zusätzlich Zombies das Leben schwer, deren Tötung euch teilweise ebenso Punkte verleiht. Als Belohnung winkt nach Abschluss einer Runde wie in der Kampagne Erfahrung, die ihr gegen neue Ausrüstung und Fähigkeiten einlösen könnt. Zusätzlich erhöht sich dadurch euer Spielerrang, der allerdings im Gegensatz zu den meisten Spielen auch durch Spielen der Kampagne erhöht werden kann.

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Abgesehen von der schwachen KI zeigt sich Operation Racoon City auch grafisch nicht so, wie man es sich gewünscht und von einem Resident Evil-Spiel erwartet hätte. Selbst das nun drei Jahre alte Resident Evil 5 zeigte schönere Grafiken und Zwischensequenzen. Vor Allem zu Beginn sind die Missionen zudem sehr eintönig gestaltet. Zu jeder Zeit wird bei Nacht gekämpft, was allerdings trotzdem nicht zu Schockmomenten führt und seinen Teil zum eintönigen Leveldesign beiträgt. Insgesamt macht das Spiel immer wieder einen „billigen“ Eindruck der einem verdeutlicht, dass es sich eben doch nur um ein Spin-Off handelt, für das deutlich weniger Budget zur Verfügung stand. Es wirkt es so, als ob das Spiel halbfertig ist und nur jetzt veröffentlicht wurde, da ein gewisser Abstand zum „richtigen“ Nachfolger vorhanden sein musste. Hier wäre einiges mehr möglich gewesen.

Wir spielten übrigens die USK-Version, welche einige gravierende Schnitte über sich ergehen lassen musste. So sieht man zwar auch in der deutschen Fassung noch einiges an rotem Lebenselixier, jedoch ist beispielsweise das Abtrennen von Gliedmaßen nicht mehr möglich und Leichen verschwinden sofort nach ihrem Ableben. Dies kann sich sogar negativ auf den Spielverlauf auswirken, da das Wiederbeleben gefallener Teamkameraden dadurch erschwert wird. Inwieweit sich die Kürzungen letztendlich auf den Spielspaß auswirken muss jeder für sich entscheiden. Wir haben dies bei der Wertung nicht berücksichtigt.

Offizielle Homepage: residentevil.com

TEST: Resident Evil Operation Raccoon City
"Bei “Resident Evil: Operation Raccoon City” handelt es sich eindeutig um ein Multiplayer-Spiel, welches mit etwas mehr Feinschliff ein gut gelungenes Spin-Off der erfolgreichen Spieleserie hätte werden können. Eine bessere Grafik sowie KI, ein lokaler Koop-Modus und eine abwechslungsreichere Kampagne hätten das Spiel zu einem Pflichtkauf für Actionfans gemacht. Einzelspieler sollten so aber lieber zu Alternativen greifen, da jegliche Gruselmomente fehlen und andere Spiele aus dem Shooter-Genre schlicht und ergreifend deutlich besser sind. Wer jedoch Lust hat, mit bis zu drei Freunden online hin und wieder ein paar Zombies zu erledigen, der kann einen Blick riskieren und durchaus seine Freude an dem Titel haben."
6.5