TEST: ADR1FT – 462 Kilometer über der Erde

Story-getriebene, kurzweilige Erfahrungen finden immer mehr Anklang bei den Spielern, in denen einem nicht der ganze Weg vorgelegt wird, sondern man als Spieler selbst eine Geschichte nach seinen Vorstellungen formen kann oder eine Erfahrung durchlebt. Nach „Everybody´s Gone to the Rapture“ oder „The Vanishing of Ethan Carter“, von denen man ja behauptet, es seien gar keine richtigen Spiele, folgt nun die Weltraum-Erfahrung “ADR1FT” von Entwickler Three One Zero.

Schon seit der Ankündigung erregt der Titel ein wahnsinniges Interesse, der euch hautnah die Katastrophe auf einer Raumstation, der Northstar IV, erleben lässt und das erstmals aus der First-Person Sicht und durch die Augen eines Astronauten. Es geht hier nicht um actiongetriebene Kämpfe oder wer welche Aufgabe am besten löst, sondern um die Erfahrung in einer lebensbedrohlichen Ausnahmesituation, die man irgendwie meistern muss.

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Die Katastrophe

In „ADR1FT“ wird man in der Rolle der Astronautin Alex Oshima inmitten eines Szenarios geworfen, bei dem die eigentliche Katstrophe bereits geschehen ist. Eine riesige Raumstation, 462 Kilometer über der Erde, wurde nicht einfach nur beschädigt, sondern quasi in tausende Teile zerlegt, einzelne Module dieser schweben frei im Orbit herum, die Erde bildet ein imposantes Hintergrundpanorama dieser Kulisse und man selbst wacht ohne jegliche Erinnerung daran auf, was überhaupt passiert ist. Damit nicht genug, scheint man die einzige Überlebende zu sein, dessen Situation sich dadurch zuspitzt, da auch der überlebenswichtige Raumanzug – EVA  – beschädigt wurde und Sauerstoff im All bekanntlich ja knapp ist. Die Umgebung wird hierdurch zu eurem ärgsten Feind, die ihr in absoluter Schwerelosigkeit durchqueren müsst, um restliche Ressourcen zu finden, die Ereignisse aufzuarbeiten und wenn möglich, auch einen Weg zurück nach Hause.

Die Hoffnung

Trotz der offensichtlichen Zerstörung der Raumstation sind einige Teile dieser noch intakt und glücklicherweise auch die, die einen Weg nach Hause ermöglichen. Zwar ist hierzu etwas Arbeit notwendig, aber was auch sonst sollte man tun, so ganz alleine oben im Weltraum. Gott sei Dank gibt es Computer, welche die Gesamtsituation analysieren und auswerten und euch somit einen möglichen Ausweg zurechtlegen. Dieser liegt in der Reparatur einzelner Module, die, wie wir hier auf der Erde sagen würden, in alle vier Himmelsrichtungen verstreut sind, sodass wir uns umgehend auf deren Weg machen können. Die Aufgabe dabei ist eigentlich immer gleich – Energie wiederherstellen, ein Modul einsammeln und die Station manuell reaktivieren. Die Schwierigkeit dabei liegt in der spielerischen Geschicklichkeit, einem guten Orientierungsvermögen und ein Talent für Ressourcenmanagement – in diesem Fall für Sauerstoff.

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Die Simulation

An diesem Punkt kommt man nicht drum herum festzustellen, dass „ADR1FT” im Grunde ebenfalls kein Spiel im eigentlichen Sinne ist, sondern eine knallharte Überlebenssimulation, die Three One Zero mit erstaunlicher Präzision umgesetzt hat. Nun gut, ich bin zwar kein Astronaut und war auch noch nie im Weltraum, um sagen zu können, wie das tatsächlich ist, meine Vorstellung davon trifft „ADR1FT“ aber so ziemlich genau auf den Punkt. Man scheint sich nicht zu bewegen, rauscht aber geradezu durch den Orbit, alles fühlt sich schwerfällig an und jedes Anecken ist wie ein harter Schlag auf den Kopf. Dazu kommt diese unheimliche Stille, nur das eigene Atemgeräusch und ein paar Computersounds sind wahrnehmbar, sodass einen die Einsamkeit recht schnell vereinnahmt. Der Blick wechselt permanent zwischen der Umgebungskarte und dem verbleibenden Sauerstoff hin und her, ständig die Angst im Nacken, man könnte sich bereits verkalkuliert haben und alles ist verloren.

Die größte Schwierigkeit ist dabei tatsächlich nicht die Orientierung zu verlieren. Im Weltraum gibt es kein oben und kein unten, kein links oder rechts. Selbst die vermeintliche Hilfe der Stabilisierung verwirrt oft mehr als sie nützt. Es erfordert unglaublich viel Geduld sich durch die zerstörte Raumstation oder den Weltraum zu bewegen, oft hat man das Gefühl nur auf der Stelle zu treten oder sucht verzweifelt nach dem richtigen Weg. All diese Faktoren führen zu einer inneren Nervosität und Angespanntheit, sowie wahren Adrenalinschüben, sobald sich der Sauerstoff dem Ende zuneigt.

Die Story

Wie schon erwähnt, baut man sich auch in „ADR1FT“ seine Story mehr oder weniger selbst zusammen. Das Grundkonstrukt ist die Reparatur und das Entkommen von der Raumstation. Auf diesem Weg kommt man aber auch nicht um die Sprachaufzeichnungen der ehemaligen Crew, Fotos oder deren E-Mailverkehr herum, die teils von persönlichen Schicksalen, deren Gedanken oder der Arbeit auf der Station gefüllt sind. Mit der Zeit erfährt man so, was diese Katastrophe womöglich ausgelöst hat, geht dabei aber nie wirklich ins Detail, sodass man sich seinen Teil dazu denken muss und, wie bei vielen dieser Erfahrungen, eine sehr individuelle Story bekommt. Sie füllt das Ganze auf eine angenehme Weise, ist aber nicht unbedingt der Kern von „ADR1FT“.

Der Weltraum

In der Vision von Three One Zero einer modernen Raumstation oder dem Weltall scheint es ebenfalls so etwas wie Staub und Schmutz nicht zu geben. Alles ist hoch technologisiert, steril und meisten weiß oder schwarz. Genau so sieht sich auch die Welt von „ADR1FT“, die sich vor dem bombastischen und überwältigen Panoramabild der Erde zeigt – irgendwie zum Greifen nahe, aber dennoch hunderte Kilometer entfernt. Es ist das Bild, was wohl jeder von uns davon im Kopf hat und auch genau so zu gefallen weiß. Optisch präsentiert sich „ADR1FT“ dank der Unreal Engine 4 in einem glattgebügelten Look, der sich bis auf ein paar kleinere Nachladefehler keinerlei Patzer erlaubt. Angesichts der vielen Details, die man vor allem in den zerstörten Teilen der Raumstation an einem vorbei schweben sieht, exakte Lichtpunkte in hunderten Kilometer Entfernung oder Millionen von Sternen um einem herum, macht auch die Performance hier durchweg eine gute Figur. Einzig störend dabei war der Soundtrack, der hin und wieder eingespielt wird und die Atmosphäre zwar nicht direkt trübt, aber irgendwie nicht so recht ins Bild passt. Hier hilft es, die Musik einfach abzustellen, um wieder in die perfekte Vorstellung eintauchen zu können.

Entwickler: Three One Zero
Publisher: 505 Games
Release: erhältlich (PSN)
Offizielle Homepage: www.adr1ft.com

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TEST: ADR1FT – 462 Kilometer über der Erde
„ADR1FT ist wie erwartet eine dieser Erfahrungen, die man nicht wirklich als Spiel einordnen würde, die dafür aber wieder so ziemlich einzigartig ist. Es ist eine nahezu authentische Vorstellung davon, wie es sein muss ein Astronaut, hunderte Kilometer über der Erde schwebend, zu sein, der sich in einer extremen Überlebenssituation wiederfindet und einen Weg nach Hause finden muss. Die Umsetzung erfüllt so ziemlich alle Ansprüche, die man von ADR1FT erwartet hat, wenn auch wieder ein wenig Vorstellungskraft und Eigeninitiative dazu gehört, um hier eine komplette Story herauszuziehen. Spielerisch wird sehr viel Geschicklichkeit und Geduld verlangt, was man aber auch wieder mit der Authentizität gleichsetzen könnte. In diesem Punkt ist ADR1FT allerdings genau das, was ich davon erwartet habe. Letztendlich rundet der moderne und sterile Look das Paket ziemlich perfekt ab, wobei man wehmütig der inzwischen abgesagten VR-Version hinterher trauern muss. Kein anderer Titel wäre hierfür wohl besser geeignet gewesen. Schade drum! Wer aber Astronautenambitionen in sich verspürt oder dies schon immer mal erleben wollte, findet mit ADR1FT einen sehr guten Vorgeschmack darauf.“
8.9
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