TEST: Agatha Christie: The ABC Murders – Für Frischlinge unter den Detektiven

Eigentlich wollte sich der charmant gemütliche Privatdetektiv Hercule Poirot in London zur Ruhe setzen. Eigentlich! Denn als er vom geheimnisvollen „A.B.C.“ Briefe erhält, mit denen dieser seine Morde ankündigt, und Poirot damit herausfordert, bleibt diesem nichts anderes übrig als Scotland Yard zu helfen und den Mörder zu fassen.

Das ist die Kerngeschichte von Agatha Christies Roman von 1936, welcher nun vom Studio „Artefacts Studios“ und Publisher „Microïds“ aufgeschnappt und als interaktiver Krimi umgesetzt wurde. Microids kennt sich mit solchen Rätseln laut Portfolio gut aus, da sie bislang vor allem Rätselspiele für PC und mobile Geräte entwickelt haben. Mit „Agatha Christie: The ABC Murders“ versuchen sie nun den Sprung auf die Konsole.

Gameplay …

Wer bereits „Sherlock Holmes“ gespielt hat, dem kommt die Spielmechanik sehr schnell bekannt vor: Wir werden an einen Tatort gerufen und fangen sofort an Indizien und Beweismittel sicherzustellen. Dazu begutachten wir jedes Objekt im Raum, von der Kaffeetasse bis hin zum Messerhalter. Alles ist dabei wichtig, könnte später noch gebraucht werden und immer wieder wird man dabei von Rätseln und Geheimnissen gefordert. Verschiedene Apparate gilt es zu überlisten, geheimnisvolle Truhen müssen geöffnet und Tresore geknackt werden. Oftmals lassen sich diese Rätsel erst lösen, wenn man die passenden Werkzeuge und Codes bei seiner Suche entdeckt und korrekt gedeutet hat. Hierbei merkt man jedoch deutlich, dass sich „The ABC Murders“ eher an Detektiv-Neulinge richtet als an knallharte Profiler. Die Rätsel sind zwar ansprechend und machen auch Spaß, richtig knifflig sind sie aber nur selten. Sollte man doch einmal nicht weiterkommen, lässt sich nach einem kurzen Cooldown das Rätsel auch automatisch lösen, was vor allem negativen Frustmomenten entgegenwirken soll. Auch das Durchsuchen der Räume und Tatorte verläuft relativ eindruckslos. Die meisten Merkmale sind sehr offensichtlich und lassen sich schnell finden.

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Natürlich kommt man der Lösung des Falles nur dann näher, wenn man mit möglichen Zeugen und Verdächtigen spricht. Hierbei kommt einem Poirot’s geschulter Blick zu Gute, denn mit diesem kann man die Personen wie bei „Sherlock Holmes“ betrachten und Hinweise auf ihren gesellschaftlichen sowie körperlichen Stand erhalten. Wenn die Assistentin etwa mehr trauert als der eigene Bruder des Opfers, dann könnte das durchaus auf etwas hindeuten. In den Gesprächen selbst gibt es die Möglichkeit Punkte zu sammeln, wenn man sich so elegant und charmant verhält wie Poirot. Diese „Ego-Punkte“ erhält man darüber hinaus auch für verschiedene Interaktionen mit Objekten und Charakteren. Allerdings führt auch eine forschere Herangehensweise zum Ziel, denn das Skript lässt insgesamt eher wenig bis keinen Platz für Fehlentscheidungen. Einziger Unterschied: Wenn man wie Poirot handelt, erhält man hier und da ein paar mehr Informationen zu den Hintergründen der einzelnen Personen, die einem die Arbeit unter Umständen etwas erleichtern können.

Haben wir genug Indizien und Hinweise gesammelt, strengen wir unsere „kleinen grauen Zellen“ an und verbinden die gesammelten Informationen zu neuen Ideen, Eigenschaften oder Profilen, mit denen man dem Täter langsam aber sicher auf die Schliche kommt. Hier fehlt es allerdings nicht nur an einer wirklichen Herausforderung, sondern auch an Fehlentscheidungen und falschen Rückschlüssen. Es gibt auch hier nur die eine klare Linie, wohingegen man in anderen Spielen gleicher Art auch mal den falschen Verdächtigen hinter Gitter bringen kann. Dadurch geht am Ende leider ein wenig der Spannung verloren, sowie lässt die Rekonstruktion der Tathergänge nur wenige Optionen zu und könnte durchaus interessanter aufgebaut sein.

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Hercule Poirot hat es schwer. Er ist so ein guter Detektiv, dass einfach die Herausforderung und die Abweichung vom richtigen Weg keine Option ist. Die Rätsel machen zwar Spaß und sind interessant gestaltet, lassen sich aber zu oft zu leicht lösen. Auch die Analyse der Figuren und die Verhöre sind zu steif. Hier strengen „Sherlock Holmes“ oder andere Branchenvertreter ihr Hirn deutlich mehr an. Ebenso fehlen aber auch Quick-Time Events oder wirklich fordernde Rätsel, die über Leben und Tod entscheiden, sodass noch jede Menge Platz nach oben gewesen wäre. Trotzdem macht es Spaß, die Rätsel und Herausforderungen zu meistern, um letztendlich die dunklen Geheimnisse von „The ABC Murders“ aufdecken zu können.

Grafik, Sound und Atmosphäre …

Auch grafisch geht „Agatha Christie: The ABC Murders“ eher den Weg eines Einsteigertitels. Das Design wurde im Cel-Shading-Look gehalten, wodurch sie auch eine jüngere Zielgruppe von dem Titel aus den 30ern angesprochen fühlen können. Parallelen zur Optik von Nintendos „Professor Layton“ lassen sich hier nicht verleugnen. Das heißt aber nicht, dass dadurch die Detailliebe verloren geht, im Gegenteil! Die Schauplätze sind liebevoll entworfen worden und bieten auch Abseits des Geschehens ein paar Kleinigkeiten zum Beobachten. Auch die Charaktermodelle und die verschiedenen Objekte, deren Geheimnis es zu entschlüsseln gilt, wurden detailliert umgesetzt und laden dazu ein erforscht zu werden. Manchmal jedoch lassen sich die Mimiken der Figuren nicht deutlich genug analysieren oder Objektmerkmale nicht klar erkennen.

Poirot kann durch seine ruhige Art, gemeinsam mit dem hervorragend abgestimmten Soundtrack für ein konsequentes Gefühl der Entspannung sorgen. Das führt auch dazu, dass man sich auch bei schwierigeren Situationen nicht aus der Ruhe bringen lässt und sich auf eine mögliche Lösung des Problems fokussieren kann. Hier spielt auch die gute Synchronisation eine wichtige Rolle. „The ABC Murders“ lässt sich entweder auf Englisch oder Französisch genießen und liefert somit einen ganz eigenen Charme, sofern man letzteres beherrscht. Hercule Poirot und den anderen Charakteren wurden dadurch viel Leben eingehaucht, auch wenn sich hörbar mehrere Figuren einen Sprecher teilen. Die langsame Aussprache lässt sich hervorragend verstehen, wurde zur Sicherheit aber auch noch mit einem deutschen Untertitel bedacht. Etwas unschön hingegen ist, dass Poirot bestimmte Phrasen immer wieder verwendet und das auch noch mehrmals hintereinander. Abwechslung wäre hier durchaus angebracht und gewünscht gewesen. Genau so entspannt scheint es das Spiel auch mit dem Laden der Schauplätze zu nehmen, denn hier gönnt man sich zusätzliche, fast schon unnötige Denkpausen.

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Zudem wird die schöne Atmosphäre durch die umständliche Steuerung gestört. Kurbeln drehen, Symbole verschieben oder Schlüssel nutzen wird dadurch unnötig erschwert, weshalb hier immer wieder Frust aufkommt. Auch die Tastenbelegung zum Betrachten von Objekten oder zum schnellen gehen sind eher ungünstig geraten, sodass einem letztendlich nur bleibt, sich irgendwie damit zu arrangieren.

Alles in allem ist die Atmosphäre ganz okay, aber auch nicht überaus faszinierend. „The ABC Murders“ schafft es, dass man sich gerne mit der Lösung des Falles beschäftigt und sich mit den Charakteren und Rätseln auseinandersetzt. Allerdings fehlt es hier an wirklicher Spannung, die sich durch das gesamte Spiel ziehen sollte. Das kommt auch durch fehlende Abwechslung im Rätselmechanismus, indem man etwa Chemikalien mischen oder Experimente durchführen muss. Besonders schade ist jedoch das steife Skript, was kaum bis keine Fehler bei der Jagd nach dem Mörder zulässt, sowie der geringe Umfang, da es sich im Endeffekt um nur einen Fall handelt, den man nach recht kurzer Zeit abgeschlossen hat.

Entwickler: Artefacts Studios
Publisher: Microïds
Release: 12. Februar 2016
Offizielle Homepage: www.microids.com

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TEST: Agatha Christie: The ABC Murders – Für Frischlinge unter den Detektiven
„Agatha Christie: The ABC Murders“ ist ein hervorragender Titel für alle Hobbydetektive, die sich immer mal wieder für kurze Abschnitte mit den kleinen Rätseln befassen und dem Drehbuch folgen wollen. Der sanfte Cel-Shading Look und der angenehme Sound sorgen für eine gute Atmosphäre, der man sich immer wieder sorglos öffnen kann. Allerdings fehlt es hier nicht nur am Umfang, sondern auch an der wirklichen Tiefe und Spannung, sowie einer echten Herausforderung. Und ob es sich lohnt, als eingefleischter Detektiv für ein so sanftes Spiel die PlayStation zu starten, ist daher fraglich. Am Ende erwartet euch ein angenehmes, kleines Abenteuer, das zwar mit seinem Charme und seinen Ideen überzeugen kann, jedoch nicht durchweg für Begeisterungsstürme sorgt. Ein guter Einstiegstitel für junge Detektive, Meister ihres Fachs werden sich aber wohl etwas unterfordert fühlen.“
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