TEST: Human Fall Flat – Wenn die Physik zur Geduldsprobe wird

Manchmal können einen auch augenscheinlich ganz simple Dinge begeistern. Wozu aufwendige Grafiken, komplizierte Spielmechaniken oder gar eine Story? Curve Digital und Entwickler No Brakes Games geben euch mit „Human: Fall Flat“ lediglich eine Spielfigur an die Hand, ein paar mehr oder weniger sinnvoll gestaltete Level und die Grundlagen der Physik. Schon ist man über Stunden beschäftigt und verliert sich regelrecht darin.

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Die Flucht aus der Traumwelt

Die Rahmenhandlung, wenn man es denn so nennen kann, ist total simpel. Entkomme aus einer surrealen und schwebenden Traumwelt, in die man mit dem Drücken von Start einfach hineingefallen lassen wird. Eure einzigen Werkzeuge sind euer Verstand und die Gesetze der Physik, die, wenn man es richtig anstellt, grenzenlose Möglichkeiten eröffnen. Und das geradezu auf verblüffende Weise.

Die ersten Level in „Human: Fall Flat“ sind im Grunde nur eine Aufwärmübung, um die doch recht ungewöhnlichen Spielmechaniken zu erlernen. Unser Männchen, genannt Bob, bewegt sich, als hätte er gerade eine gewaltige Sauftour hinter sich und kann sich nun gerade so noch auf seinen Beinen halten. Das ist nicht nur unglaublich gewöhnungsbedürftig, sondern wird im Laufe des Spiels auch zu einer echten Geduldsprobe. Hier und da gilt es zunächst Hindernisse zu überwinden, wobei die R2- und L2-Trigger für das Greifen mit seinen Händen stehen und die jeweilige Griffposition durch das Ausrichten des Kamerawinkels geschieht. Man könnte es mit den Steuerungsmechaniken von VR-Spielen vergleichen, bei denen oft die Blickrichtung den Weg oder das Ziel vorgibt. Ansonsten kann man noch kleine Sprünge absolvieren oder sich ducken. Das war es dann aber auch schon. Da aber auch die Physik in den eigenen Bewegungen eine zentrale Rolle spielt, entstehen dabei nicht selten urkomische Momente oder Anblicke, insbesondere, wenn man „Human: Fall Flat“ im lokalen Split-Screen Modus spielt. Da weiß die eine Hand nicht was die andere macht, und der andere Spieler schon mal gar nicht. Man merkt schnell, dass Teamwork nicht ganz unwichtig auf eurer Reise sein wird.

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Geniale Physik oder einfach nur nervig?

Die Rätsel an sich könnte man leicht bis mittelschwer einschätzen, die in den meisten Fällen zwar offensichtlich zu lösen sind, viel problematischer wiegt hier jedoch das Gameplay und dessen physikalische Eigenschaften. Am Ende war ich mir selbst nicht sicher, ob es die genialsten Physikeffekte sind, die man je in einem Spiel gesehen hat, oder ob man einfach nur genervt davon ist. Ein gutes Beispiel wären da lange und schwere Eisenstangen, die man benötigt, um eine Art Floß an sich heranzuziehen. Die müssen zunächst einmal hoch gewuchtet werden, dann auf Händen balanciert, während man sich in Richtung Ufer begibt (nicht zu vergessen, man bewegt sich die ganze Zeit immer noch merkwürdig) – gleichzeitig droht man aber auch alles fallen zu lassen, man schwankt hin und her oder stürzt womöglich ins Wasser. Parallelen zu ähnlichen Situationen im echten Leben bleiben da nicht aus, die man hier und da schon mal erlebt hat und einen verblüfft auf das Spiel und dessen Umsetzung blicken lassen. Dann macht es aber auch wieder Spaß, wenn man die Physik für sich so richtig entdecken kann, um verrückte Dinge anzustellen, etwa sich mit einem Katapult durch die Welt schießen zu lassen oder Kettenreaktionen zu erschaffen und genüsslich bei dessen Ablauf und Einsturz zuzusehen.  Im Übrigen hat man nicht selten das Gefühl, dass das Vorankommen wie ein Glitch wirkt, was hier aber offensichtlich so gewollt ist.

„Human: Fall Flat“ setzt vor allem eines voraus – viel Geduld, Spaß am Ausprobieren, aber sich auch an Situationskomik erfreuen zu können. Ich denke, dass Entwickler No Brakes Games hier eine gute Balance zwischen allem gefunden hat – auf der einen Seite simple Dinge, aber dennoch genug Genialität und Anreize, um am Ende nicht gelangweilt zu sein. Um letzterem etwas entgegenzusteuern, sollte man das Spiel auf jeden Fall im KoOp-Modus erleben, um wenigstens etwas mehr Unterhaltung unter sich zu haben.

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Schlicht, ruhig und simpel

Denn diese kann bei der ruhigen Atmosphäre recht schnell leiden. Eher zurückhaltend wird Musik eingespielt, die zwar passend gewählt wurde und zwischen ruhigen Klängen und orchestralen Stücken schwankt, aber sich dann auch schnell wiederholt. Vorwiegend in den späteren Levels nimmt man die Musik erst wirklich wahr und muss sich sonst mit Windrauschen oder Wasserplätschern zufrieden geben… oder eben, wenn man mal wieder irgendwo runterfällt und aufschlägt.

Wo der eine meint, dass „Human: Fall Flat“ nur aus simplen Grafiken besteht, ist es doch eine interessante Optik, die das Spiel aufweist. Ein sauberer und geschärfter Look zieht sich durch das Spiel. Texturen beschränken sich eigentlich immer nur auf eine Farbe – Wände sind weiß oder grau, der Kran ist komplett gelb, das Gras grün. Konturen werden mittels Ecken und Knicken geformt, ja selbst Bob ist in der Konsolen-Fassung nur noch weiß angemalt. Experimente dieser Art könnte man mit „Mirror´s Egde“ vergleichen, das trotz dieser Einfachheit ein stimmiges und passendes Bild abgibt. Alles andere wäre wohl auch unnötig, da der Fokus des Spiels auf ganz anderen Dingen liegt.


Entwickler: No Brake Games // Publisher: Curve Digital // Release: 09. Mai 2017 // Offizielle Homepage: www.nobrakesgames.com


TEST: Human Fall Flat – Wenn die Physik zur Geduldsprobe wird
„Es ist ein interessanter Ansatz, den Human: Fall Flat verfolgt und der einen, vielleicht ein wenig ungewollt, über Stunden beschäftigen kann. Die Physikeffekte sind schon irgendwie genial, können aber durchaus auch zur Geduldsprobe werden. Der Rätselanspruch erreicht hier ein mittleres Level, ausgenommen die vermutlich letzte Azteken-Welt, die der Konsolen-Fassung zusätzlich beiliegt, und die kaum Sinn ergibt, vor allem nicht mehr, wenn man einmal den Ausgang gefunden hat. Technisch, optisch und aus Sicht der Soundkulisse trifft Human: Fall Flat jedenfalls genau die Ansprüche, die man an einen kleineren Indie-Titel stellt, sodass sich ein Blick definitiv lohnt. Insbesondere aber der KoOp-Modus bringt hier den meisten Spaß und sorgt mitunter für lustige Momente.“
7,9
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