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TEST: Life is Strange 2 – Wolfsbrüder fürs Leben

Was für ein Ende! Nachdem man schon das Schlimmste mit der letzten Episode von “Life is Strange 2” befürchtet hatte, hat Entwickler DontNod zum Finale der aktuellen Staffel noch einmal alles gegeben, um das Spiel zu einem echten Life is Strange-Moment zu machen. Die Reise von Sean und Daniel geht in Arizona zu Ende und dürfte dem ein oder anderen Spieler Tränen in die Augen treiben.

Am Ziel angekommen

Nach der für mich etwas belanglosen Episode #4 (unser Review) und einem weiteren Drama, das man dort aus heiterem Himmel hinein konstruiert hatte, sind die Brüder nun in Arizona und kurz vor ihrem Ziel an der Mauer zu Mexiko angekommen. Diesmal lassen wir uns in einem Aussteiger-Camp mitten in der Wüste nieder, treffen dort auf alte Bekannte, nehmen weitere Erkenntnisse fürs Leben mit, und schon sind wir wieder auf der Flucht vor der Polizei, denn nach Sean und Daniel wird inzwischen landesweit gefahndet. Doch was wäre “Life is Strange”, wenn es im Finale zu keinem Showdown käme, und so ist der Weg nach Mexiko erst einmal versperrt.

Die ganzen Probleme, denen Sean und Daniel auf ihrer Reise begegnen, lassen sich kaum noch an einer Hand abzählen. Zwar war von vornherein klar, dass die Geschichte diesmal als Roadtrip und in keiner Sandbox-Umgebung erzählt wird – genau das fand ich aber auch etwas problematisch. Zu viele Dramen, jedes Mal was Neues, immer wieder neue Gesichter. Im original “Life is Strange” konnte man zu jeder Figur eine enge Bindung aufbauen, die beständig über alle Episoden präsent war und mit denen man stets mitgefiebert und mitgelitten hat. In “Life is Strange 2” werden diese hingegen eher von Episode zu Episode abgearbeitet und letztendlich auch abgehakt. Nur in Ausnahmefällen greift man diese noch einmal auf, und wenn, dann fast nur als Randnotiz oder ziemlich versteckt in Briefen, Fotos, Mails etc. So hätte ich mir zum Beispiel mehr Story-Inhalte mit Finn oder Cassidy von der Hanf-Farm nach Episode #3 gewünscht, schließlich wurden diese beiden für Sean zu wichtigen Personen in seinem Leben. Immerhin wurden sie in eine alternative Version des Endes gepackt, aber auch hier nur noch als erzwungenes Beiwerk, möchte man meinen. Das macht es dann auch irgendwie schwierig, sich an diese Figuren zu binden.

Erinnerungen

Toll fand ich, dass man immer wieder eine Brücke zu dem original “Life is Strange” aufgebaut hat. So kommen Sean und Daniel nicht nur an Arcadia Bay vorbei, das basierend auf eurem Ende völlig zerstört sein kann, auch trifft man frühere Charaktere wieder, wie Chloes strengen Stiefvater David, der in Episode #5 ziemlich geläutert auftritt. Man muss schon zweimal hingucken, um ihn überhaupt zu erkennen. Das sind echte Überraschungsmomente, an die man sich gerne erinnert und sich dorthin zurückversetzt fühlt.

Kommt man zum Kernthema, der Erziehung seines kleinen Bruders Daniel auf eurem Weg, der über verheerende Superkräfte verfügt, waren die Entscheidungen, und wie man Daniel damit beeinflusst, zwar selten wirklich vorhersehbar, aber auch weniger drastisch, als in den ersten Spielen. Man konnte hier und da zwar wahrnehmen, dass sich Daniel verändert, dramatische Momente oder gar Cliffhanger zum Ende jeder Episode gab es jedoch deutlich weniger. Mit einer der Gründe, warum man die Spannung bis jetzt nie auf dem Niveau von damals halten konnte. Die Entwicklung von Sean ist da schon deutlich prägnanter, der von jetzt auf gleich von einem Teenager zum Erwachsenen werden muss, was man mittels Entscheidungen auch bewusst vorantreiben kann. Das zeigt sich besonders hier in Episode #5, in der man zum Beispiel einen Brief an seine Mutter schreibt und dessen Inhalt frei gewählt werden kann.

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Schwierige Themen

Nun möchte ich die vorherigen Episoden keinesfalls schlecht reden – ich mochte die Geschichte im Ganzen, die vielen unterschiedlichen Charaktere und auch den ständigen Schauplatzwechsel, die man durchaus genießen kann. Auch zeigte DontNod über alle Episoden hinweg wieder ein wahnsinnig feines Gefühl für die Erzählung, die sich darin mit echten Problemen auseinandersetzen und die Hauptfiguren dadurch allesamt sympathisch erscheinen lassen und in denen sich ihre Entwicklung auch deutlich abzeichnet. Oftmals ja auch mit sehr schwierigen Themen, wie Rassismus oder Homosexualität, die stets mit Bedacht angegangen werden müssen, um nicht in typischen Klischees zu enden. Das ist ein wahres Talent, das man in Spielen nicht so oft vorfindet. Man hätte die Story aber auch etwas straffer und somit auf dem ungemein spannenden Niveau der ersten Spiele erzählen können. Auch die unterschwelligen politischen Anspielungen möchte man so eigentlich nicht in einem Spiel sehen. Nicht zuletzt hat man sich rund 15 Monate Zeit dafür genommen, um sie überhaupt zu Ende zu bringen. Vielleicht etwas zu lang?

Gut, die Wartezeit soll sich am Ende auch wirklich lohnen und als Spieler bekommt man nun die ganze Tragweite seiner Entscheidungen und Taten mit voller Wucht zu spüren. Das, was man ein wenig über die vorherigen vier Episoden und im Vergleich zu den ersten Spielen vermisst hat, packt man alles in die sieben möglichen Enden. Hier zeigt sich Daniels Entwicklung zwischen Brüderlichkeit und Moral, was letztendlich Auswirkungen darauf haben wird, wie sich die Leben der beiden Brüder entwickeln werden – und das auf sehr unterschiedliche Weise. Hier ist wirklich alles vertreten, von einem gebrochenen Mann bis zu einem freien Leben der Brüder. Einige Enden sind dabei einfach nur traurig, andere überraschen, wiederum andere hat man so überhaupt nicht erwartet. Bravo, denn damit kommt es zu diesem besonderen Life is Strange-Moment, für den man die Serie so sehr liebt und schätzt.

Wäre noch zu erwähnen, dass sich “Life is Strange 2” auf der technischen Seite sehr viel weiterentwickelt hat, als noch das Original, was wohl dem höheren Budget geschuldet ist, das der Serie zu Recht zusteht. Auch der gewählte Soundtrack, der oftmals sehr melancholisch daherkommt, ist wieder erstklassig gewählt, und passt einfach perfekt zu dem Spiel, in jeder Situation und unterstreicht die wahnsinnig tolle Atmosphäre darin, die man immer wieder erleben möchte.

Note: Das Fazit und die Wertungen umfassen diesmal die komplette Staffel und nicht die einzelne Episode #5.

Summary
“Puh, ich hatte zunächst Schlimmes für das Finale von Life is Strange 2 befürchtet, gemäß der Serienformel weiß DontNod aber auch diesmal wieder zu überraschen, und das auf sehr unterschiedliche Weise. Insgesamt vermisst man zwar etwas die Spannung des ersten Spiels, die Überraschungsmomente und Cliffhanger, und auch die vielen konstruierten Dramen darin hätte man etwas zurückschrauben können, um sich mehr dem Kernthema zu widmen, besonders aber die sehr unterschiedlichen und teils dramatischen Enden entlohnen einen nach dieser langen Reise. Im wirklich letzten Moment zieht man hier alle Register und sorgt für den gefeierten Life is Strange-Moment, basierend darauf, wie ihr Daniel während eures Trips erzogen habt. Dafür hat es sich tatsächlich gelohnt und man findet sich in einem Bad aus Gefühlen und Emotionen wieder, die einen von traurig bis glücklich, aber auch sehr nachdenklich stimmen. Life is Strange pur ... danke für diese Reise!"
Good
  • Emotionale Life is Strange Story
  • Überraschende Enden
  • Fantastischer Soundtrack
  • Einmalige Atmosphäre
Bad
  • Bindung zu Nebencharakteren leidet etwas
  • Spannung erreicht nicht ganz das Original
  • Ein paar Logikfehler
9
Amazing