TEST: Life is Strange: True Colors – Starke Erzählung, wenig Drama

Fast Schlag auf Schlag geht es mit der Life is Strange-Serie weiter, nachdem das Zepter hier nun Entwickler Deck Nine vollständig übernommen hat. Life is Strange: True Colors ist der erste eigenständige Ableger von Deck Nine Games, die erneut mit einer emotionalen Story die Fans zurück an den Controller locken.

Man kann sich immer noch gut daran erinnern, wie spannend das original Life is Strange war, das uns damals mit seinem Episoden-Konzept vor Spannung fast gegrillt hat. Man konnte die jeweils nächste Episode durch die Cliffhänger-Enden nie abwarten, startete noch mitten in der Nacht die Konsole, nur um zu wissen wie es weitergeht. 

Während man mit Life is Strange: True Colors nun technisch alles auffährt, was die aktuellen Konsolen zu bieten haben, vermisst man hingegen ein wenig die dramatischen Anfänge der Serie, die True Colors aus Sicht der Story zum bislang schwächsten Ableger machen. Stärken spielt man dafür in anderen Bereichen aus. Wieso und weshalb, erfahrt ihr in unserem Test.

Life is Strange: True Colors  test

Auf nach Haven Springs

Life is Strange: True Colors schickt euch diesmal nach Haven Springs / Colorado in der Rolle der neuen Protagonistin Alex Chen. Alex hat wie manch einer eine schwere Kindheit hinter sich und leidet offensichtlich unter psychischen Problemen. Um diesen zu entkommen, macht sie sich auf nach Haven Springs, einer malerischen Bergbaustadt, um dort bei ihrem Bruder Gabe zu leben und so etwas wie einen Neuanfang zu wagen. 

Diese Bilderbuchvorstellung funktioniert zunächst auch für Alex, die sich schnell in Haven Springs einleben kann, neue Leute kennenlernt und Wurzeln schlägt. Sogar alte Bekannte wie Steph trifft man hier wieder. Ganz typisch für Life is Strange sind dabei nicht nur die Haupt-Protagonisten, sondern auch alles drum herum. Man kann fast mit jedem Charakter in der Stadt interagieren, mehr über dessen Leben erfahren, enge Bindungen aufbauen, oder den ein oder anderen Spot entdecken, der dieses verschlafene Nest so richtig sympathisch wirken lässt. Ein Ort, an dem man gerne seinen Lebensabend verbringen würde.

Getrübt wird dieses malerische Bild recht schnell durch einen Unfall von Gabe, der dabei zu Tode kommt. Eigentlich ein perfekter Life is Strange-Moment, an dem ein Cut und das Warten auf Episode II stünde. Hätte Square Enix diesen Part nicht schon vorab verraten. Wirklich überraschend kommt das Ganze somit nicht und die ersten beiden Episoden ziehen sich durch das Vorwegnehmen etwas ermüdend dahin, denn wirklich viel passiert zu diesem Punkt noch nicht. Alex macht es sich anschließend zur Aufgabe, herauszufinden, warum ihr Bruder sterben musste – eine Art Detektivspiel mit übersinnlichen Kräften.

Life is Strange: True Colors  review

Erzählung auf höchstem Niveau

Schon an diesem Punkt fallen einem die erstklassigen Dialoge unter den Charakteren auf, die nunmehr alles andere als steif wirken und glaubhaft von den Sprechern und ihren Charakteren getragen werden. Diesen Punkt zeichnet die Life is Strange-Serie jeher aus, die sich mit echten und teils sehr schwierigen Themen auseinandersetzt und diese authentisch vermittelt. Das gelingt den Charakteren von Life is Strange: True Colors auch diesmal auf eine beeindruckende Weise, wie man sie nur sehr selten in Spielen erlebt. Im Mittelpunkt stehen dabei Themen wie Verlust, Ängste und die Aufarbeitung einer nicht so leichten Kindheit.

Natürlich spielen auch Entscheidungen und Konsequenzen wieder eine große Rolle, die sich diesmal stärker auf Alex selbst auswirken. Wirkt Alex anfangs wie ein geprügelter Hund und eingeschüchtert, wird man immer wieder feststellen, dass sich in Gesprächen und Entscheidungen die Möglichkeit ergibt, als starke Persönlichkeit hervorzutreten und damit seine schwierige Vergangenheit hinter sich zu lassen. Diese Stärke ist es dann auch, die den Verlauf der Story ein wenig lenkt und darüber entscheidet, wie andere Charaktere am Ende auf einen reagieren.

Gleichzeitig nimmt der Fokus auf Alex dem Ganzen aber auch etwas die Spannung an Ereignissen drum herum, die man selbst nicht beeinflussen kann. Wenn man einmal an Life is Strange oder Life is Strange 2 zurückdenkt, war oftmals gar nicht abzusehen, was eure Entscheidungen für Auswirkungen haben können, meist waren diese sogar erst sehr viel später wahrnehmbar und unumkehrbar – was Spieler dann völlig schockierte. Diese Dramatik und überraschenden Momente fehlen in True Color leider irgendwie gänzlich.

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Vielmehr kann man erahnen, wie die Story verlaufen wird, wenn man sich so oder so entschieden hätte, besonders zum Ende hin, wenn einem eine alternative Version unweigerlich vor Augen geführt wird.

Life is Strange: True Colors  ps5

Die Macht der Farben

Was wäre Life is Strange ohne übersinnliche Kräfte. Ohne jegliche Erklärung warum, ist Alex in der Lage, die Emotionen und Gefühle anderer Menschen zu lesen, was durch verschiedene Farben als Aura dargestellt wird. Gelb steht zum Beispiel für glücklich sein, rot für zornig, lila für unsicher usw. Indem Alex diese Emotionen und auch Art Gedanken liest, weiß sie schon vorher, wie sie in Gesprächen reagieren kann und ihr Gegenüber meist dazu bringt, mehr Informationen heraus zu rücken oder sich zu öffnen. 

Anfänglich fühlt sich die Story allerdings auch etwas träge an, oft durch ein zu langsames Pacing, belangloses Gefasel (wie man es früher in sogenannten Schundromanen gefunden hätte) und unnötige Elemente, wie in Episode 3, in der man ein Meta-RPG (LARP) spielt, das keinerlei Bezug zur Hauptstory hat. Das beschäftigt einen fast die komplette Episode lang und bringt die eigentliche Story nicht voran. Es wirkt wie ein Element, um die an sich recht kurze Story irgendwie zu strecken, denn das Gesamtpaket von True Colors ist mit unter 10 Stunden erheblich kleiner geschnürt.

Wirklich Fahrt nimmt Life is Strange: True Colors erst in Episode 4 und 5 auf, in der Alex die wahren Hintergründe über den Unfall herausfindet und ein dunkles Geheimnis von Haven Springs und einiger seiner Bewohner aufdeckt. Ab da war es dann auch wirklich spannend und man bekommt genau das, was man von Life is Strange erwartet – einen unerwarteten Story-Twist und das Verlangen zu wissen, wie das Ganze zu Ende geht.

Life is Strange: True Colors

Ein echter Hingucker

Was den technischen Aspekt betrifft, macht Life is Strange: True Colors einen riesigen Sprung nach vorne. Nicht nur der Umstand, dass man erstmals auch Motion-Capture anstatt reine Animationen einsetzt, auf den neuen Konsolen fährt man mit Raytracing-Effekten und DualSense-Support auf. Ein wirklich hübsches Spiel mit malerischen Aussichten.

Hier und da hakt es zwar auch mal (inkl. einem Total Crash) und einem seltsamen Dreieck, das in den letzten Episoden permanent am rechten Rand zu sehen war, das dürfte mit kommenden Updates aber behoben werden, ebenso die leichten Framerate-Einbrüche im 60fps-Modus ohne Raytracing.

TEST: Life is Strange: True Colors – Starke Erzählung, wenig Drama
“Deck Nine verfolgt ganz offensichtlich eine eigene Art, um Life is Strange-Geschichten zu erzählen. Ja, es ist noch Life is Strange, aber bei Weitem nicht so spannend erzählt, wie die Spiele von DontNod. Ohne Frage sind die schauspielerische Leistung, die Erzählung, die Emotionen und die greifenbaren Themen auf dem bisher höchsten Level in der Serie. Das, was Life is Strange ganz am Anfang aber ausgemacht gemacht, nämlich unvorhersehbare Ereignisse, schockierende Momente und überraschende Wendungen, wird man in True Colors eher weniger finden. Die Story an sich wirkt schon recht generisch und wird durch eure Kräfte und Entscheidungen weitaus weniger beeinflusst, da man sich viel mehr auf die Entwicklung der Protagonistin Alex selbst fokussiert. Wer damit kein Problem hat, findet in Life is Strange: True Colors immer noch ein wirklich tolles Spiel, beim nächsten Mal darf es aber wieder etwas mehr Dramatik sein.”
Plus
Sympathische Charaktere und Setting
Erneut toller Soundtrack
Story zum hineinfühlen
Minus
Story fehlt es an dramatischen Momenten
Leichte technische Makel
Entscheidungen weniger wichtig
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