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TEST: WRC 8 – Der härteste Verkehrsübungsplatz der Welt

In der realen Welt hat die World Rally Championship (Kurzform WRC), mit der 1. datierten Austragung ihrer Art aus dem Jahre 1911, den Anspruch auf den Titel Königsklasse des Rallyesports mit den höchsten technischen, fahrerischen, aber auch finanziellen Anforderungen an die Fahrer und Konstrukteure. Wie es bei solch beliebten und langlebigen Sportarten so üblich ist, werden erfolgreiche Wettkämpfe gerne für Konsolen und PCs umgesetzt. Somit ist es nicht verwunderlich, dass Sony auf dieses Pferd aufsprang und dieses stolze Event seit 2001 auf der Playstation zu Hause ist.

Im Grunde genommen handelt es sich zwar um die 13. Ausgabe, allerdings gab es, nach Ablauf der ersten Lizenz und fünf erschienenen Teilen, eine fünfjährige Pause. Bei der Fortsetzung ab 2010 begann die Zählweise wieder bei Eins, mit der Erweiterung des Namens um den Zusatz FIA World Rally Championship – inzwischen angelangt bei „WRC 8„. Während in der Sparte Fußball die etablierten Serien jährlich die Kundschaft mit ihren leicht abgewandelten Produkten beglücken, hat diese, mittlerweile volljährige, Rennsimulationsserie einen etwas großzügigeren Zyklus und wird für die Fans nach zwei langen Jahren des Wartens von Big Ben Interactive endlich fortgesetzt. Also gut anschnallen und startet die Motoren!

Huldigt das Gebetbuch, denn ein Fahrfehler verzeiht nie!

Für ein junges Fahrerküken ist es sehr schmeichelhaft von einem Hersteller – wie in diesem Falle Ford – als Teammitglied inklusive Vertrag engagiert zu werden. Eine herausfordernde Bürde, denn man möchte doch, von Karrierebeginn an, hervorragend glänzen. Ein Blick auf den Eventkalender verrät schon intensive Arbeitswochen in nächster Zeit. Training, Hersteller-Testlauf und eine Strecke unter extremen Bedingungen gilt es zum Anfang zu absolvieren. Eine gute Gelegenheit sich mit dem Fahrzeug und den Beifahrer als Partner vertraut zu machen und ein Gefühl für die kommenden Rallyes zu bekommen.

Welch Überraschung! Da erwarten einen sehr harte Nüsse. Vor allem, wenn man vorher nur schnell in dafür breit ausgebauten Kreisen der Marke handelsübliche Rennstrecken gefahren ist. Spätestens bei den Extrembedingungen von „WRC 8“ merkt auch der Letzte, was da deftiges erwartet wird, damit der Vertragspartner zufrieden ist. Schlechte Sicht durch Regen, enge Straßen und Helligkeit nur durch die eigenen Scheinwerfer sind schon bei normalen Autofahrten ein Graus! Aber nun gut, da muss jeder mal durch bis das Ganze zur Routine wird. Sind die ersten Aufgaben erfüllt, warten Ruhm und Ehre beim ersten offiziellen Wettkampf in Schweden. Schweden? Da war doch was mit Kälte und…äh Schnee. Tja, wie befürchtet hatte Frau Holle ihren Dienst getan und die Landschaft mit ihrem Lieblingsweiß verschönert. Zwar wurde die Fahrbahn (extra gesperrt und nur für die Teilnehmer freigegeben) einigermaßen ordentlich geräumt, aber es ist eine hohe und mental schlauchende Konzentration erforderlich, damit das Auto nicht ins schlingern gerät und den Abhang hinunter purzelt. Zusätzlich gibt der Beifahrer seine Informationen aus dem Gebetbuch weiter.

Nein, hier erwartet einen keine Predigt zum Sonntag. Vor der Rallye dürfen die Strecken abgefahren und protokolliert werden (ist beim Spiel schon automatisch erledigt). Der Kompagnon kennt somit jeden Huckel und den Kurvenverlauf und liest aus diesem Buch den jeweils kurz bevorstehenden Streckenverlauf vor. Navigationsgeräte waren gestern – es lebe die zwischenmenschliche Lösung!

Ist das Ziel erreicht, erfolgt die erste Wertung, aber es geht noch weiter. Eine weitere Spritztour in „WRC 8“ wartet und das Event geht noch über einen zweiten Tag inklusive Reparatur des Wagens und darauffolgenden zwei weiteren Challenges, . Ist dann endlich alles geschafft gibt es nach Erfolg oder einer Schlechtplatzierung auf jeden Fall Geld und Erfahrungspunkte, allerdings bei einem Mißerfolg sinkt die Moral der Crew und der gute Ruf beim Hersteller.

Hätte man mal bei dem Thema Crew das Kleingedruckte im Vertrag gelesen. Das sind alle eigene Mitarbeiter und müssen, wie auch die erwähnte Reparatur, vom Preisgeld selber bezahlt werden. Sechs Berufsgruppen und aus jeder braucht man zwei Leute, damit sich der jeweils bei der Rallye Aktive von seinem Erschöpfungszustand erholen kann. Auf jeden Fall eine super Motivation die vorderen Plätze zu belegen, um nicht bei seinem Konto ins Minus zu geraten.

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Also schnell wieder den Kalender bis zum nächsten geldbringenden Event planen. Mal zur Abwechslung wird eine historische Route mit einem anderen legendären Wagen gebucht, die beide regulär nicht zur Verfügung stehen, da kein Bestandteil der aktuellen Saison 2019. Und Hey, eine Erholungszeit für das Personal ist auch drin. Danach lädt Korsika zur nächsten Aufgabe ein. Korsika? Da war doch was mit Serpentinen und…äh lt. Reiseführer, Schafe auf der Fahrbahn! Bitte nicht!

Bitte auf der Spur bleiben!

Im Gegensatz zu vielen anderen Rennsimulationen wird hier in der Regel – mit stimmigen Motorengeräuschen per Audio – sieben bis acht Kilometer von A nach B gefahren und eher selten erwarten den Spieler geschlossene Strecken. Aber die haben es alle in sich. Das dynamische Wetter überrascht mit plötzlichen Regen und erschwert die Sicht oder die Sonne am Horizont lenkt durch ihre Blendung ab. Plötzliche (vom Beifahrer vorab angekündigte) Fahrbahnverengungen und Huckel verlangen von einem einen extremen Fokus auf den sichtbaren Streckenabschnitt und erlauben nur kurze Momente, um die detaillierte Umgebung, wie zum Beispiel von Wäldern oder Felsformationen, zu bewundern. Ständiger Wechsel von Kurven mit unterschiedlichen Winkeln erwarten entweder eine schnittige Meisterung oder je nach Krümmung ein abruptes Abbremsen mit darauffolgenden sofortigen gasgeben, um keine unnötige Zeit zu verlieren.

Wegen diesen Begleiterscheinungen ist die Fahrphysik bei „WRC 8“ sehr fordernd und darf nicht unterschätzt werden. Zum Beispiel Unebenheiten, berühren von Seitenbegrenzungen oder seitliches überfahren der Bahn (vor allem bei Abgründen) können den Wagen sehr schnell zum schleudern bringen oder schlimmstenfalls von der Strecke entfernen und eine bittere Zeitstrafe mit sich bringen. Auf der anderen Seite reagiert gottseidank der linke Controllerstick exakt auf die Lenkung. Übung macht wie immer den Meister und je mehr Fahrhilfen auf automatisch eingestellt werden, umso leichter fällt die Fahrpraxis – allerdings nur ein bisschen.

Der Solo-Modus “Karriere” bringt auch etwas Management-Flair ins Spiel. Gewonnene Erfahrungspunkte pro Levelaufstieg (jeweils einen) verbessern die anfangs freigeschalteten Bereiche Team und Crew (zu Beginn wählt man einen von Beiden als Schwerpunkt mit ein paar vorgegeben, schon freigeschalteten Fähigkeiten). Die zwei anderen kommen erst im Verlauf des Spiels dazu und betreffen Verbesserungsmöglichkeiten des Wagens. Somit kann man nach und nach Berufe wie den Ingenieur nebst Boni aktivieren oder konzentriert sich unter “Team” auf eine bessere Bindung mit dem Hersteller bzw. auf Erhöhungen der Preisgelder etc. Und diese Bindung ist das A und O bei „WRC 8“ und nicht die mögliche sinkende Moral des Teams und der Crew oder das Minus vor dem Guthaben. Sollte diese in den Keller gehen und das ist durch schlechtes Abschneiden bei den Rallyes schnell geschehen, wird der Vertrag mit Ford wieder einseitig gekündigt und der Spaß mit den ersten Übungen und die Rallye Schweden usw., geht wieder von vorne los.

Weitere Möglichkeiten sind die Modi Training – ohne Karrieredruck und spezielle Challenges (laufen einige Tage und starten wieder neu)  im Onlinebereich um seine Bestzeiten mit den anderen Spielern zu messen. Allerdings ist die Herausforderung sich mit den besten Fahrern des esports – WRCs zu messen aktuell nicht freigeschaltet/spielbar.

Noch ein paar Worte zum Multiplayer: da bei WRC generell die Fahrer nacheinander mit einem gewissen zeitlichen Abstand fahren und nicht wie bei anderen Rennen gleichzeitig starten, handelt es sich im Online-Modus nur um einen reinen Zeitvergleich nach Abschluss der Rallye. Gleichzeitiges Fahren ist nur offline dank des Splitscreens möglich.

Summary
“Keine Angst - die in der realen Welt auftauchenden korsischen Schafe gibt es bei WRC 8 nicht, das Spiel ist schon so schwer genug. Besonders für Neueinsteiger werden die ersten Strecken aller Art sehr frustrierend und anstrengend sein, da schon zu Beginn der Schwierigkeitsgrad sehr hoch ist. Kaum ein gerader Abschnitt, spontan auftauchende, viele Kurven verführen zum langsameren Fahren und führen schnell zu schlechten Zeitergebnissen inklusive letzter Platz, die dann die Vertragskündigung auslöst. Allerdings ist ein neuer Kontrakt gleich wieder möglich und plötzlich landet man bei den gleichen Rallyes schon auf der vorletzten Position und merkt: es geht langsam aufwärts. Daher nicht zu früh aufgeben und hartnäckig dranbleiben, denn die WRC-Reihe ist eine schöne Alternative für Gamer, die nicht ständig mit Konkurrenten im Kreis fahren wollen.”
Good
  • Realistische Fahrphysik
  • Abwechslungsreiche Routen
  • Anspruchsvolle Simulation
Bad
  • Multiplayer langweilig gelöst
  • Zu anspruchsvoller Einstieg
  • Große Gefahr immer wieder neu starten zu müssen
8.4
Great