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TEST: Déraciné – A neverending Story

Nach mehreren Hardcore-RPGs von Entwickler From Software ist man über das jüngste Projekt der Spieleschmiede – Déraciné – schon ein wenig verwundert. Es ist nicht nur der erste Versuch sich in einem VR-Genre zu etablieren, sondern man setzt dafür auch auf eine eher rührende Erzählung, die so gar nichts mit einem “Bloodborne” oder “Dark Souls” zu tun hat. Wir hatten Vorab die Gelegenheit einen Ausflug in die geisterhafte Welt von “Déraciné” zu unternehmen und verraten euch mehr darüber in unserem Test.

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Lieber Geist …

Wie erwähnt weicht “Déraciné” komplett von dem ab, was man bisher von dem Entwickler kennt. Statt zu fiesen Monstern und düsteren Welten transportiert euch diese Novell in ein klassisches Internat, in dem die Schüler an gute und böse Geister glauben, die innerhalb dieser Mauern wohnen und ihnen in der Not zur Seite stehen, oder aber auch nicht.

From Softwares Hidetaka Miyazaki kommentiert dazu:

“Déraciné ist ein Titel voller Experimente und neuer Ideen für From Software. VR selbst ist eine deutliche Abweichung von dem, was wir in den letzten Jahren gemacht haben, ebenso wie das Konzept dieses Titels. Wir verwenden fragmentarisches Geschichtenerzählen, um eine manchmal undurchsichtige Geschichte darzubieten, die für Interpretationen offen ist und für manchen ein auffälliges, eigentümliches Spiel darstellt.”

Man schlüpft also in die Rolle eines Geistes und beginnt zunächst damit das Internat zu erkunden, sowie mit den dort anwesenden Kindern zu “sprechen”. Auffällig dabei ist, dass die Zeit komplett still steht und Fragmente dessen nur durch das Berühren von kleinen Lichtern aktiviert werden, etwa um Gespräche und Gedanken zu hören oder kleinere Abschnitte dieses Moments zu sehen.

Damit ist man eigentlich auch die gesamte Zeit beschäftigt, da es vor allem die Gespräche und Gedanken der Kinder sind, die euch in der Story voranbringen. Ein weiterer und wesentlicher Part sind aber auch Rätselabschnitte, etwa um bestimmte Gegenstände zu finden, dessen Standorte oftmals erst in den Gesprächen enthüllt werden. So erfahren wir zum Beispiel, welcher der Schüler einen gerade benötigten Schlüssel zuletzt hatte, so dass wir zu ihm zurückkehren und erst jetzt sehen, dass der Schlüssel in seiner Tasche steckt. Hin und wieder reisen wir aber auch in der Zeit zurück, um bestimmte Aktionen zu ändern und so den Lauf der Zeit zu beeinflussen oder geben den Kindern wie von Geisterhand irgendwelche Dinge in die Hand oder nehmen sie ihnen weg, die dann stets überrascht sind.

Zur Story an sich möchten und sollen wir gar nicht so viel verraten, da es genau diese ist, von der das Spiel lebt. Grob umschrieben erwartet euch eine charmante und leicht rührselige, sowie zum Ende hin auch teils gruselige Erzählung, die sich um das Schicksal der Kinder dreht. Wer den anfänglichen Verlauf auch etwas träge findet, der im Grunde das durchschnittliche Tempo des Spiels beschreibt, sollte einfach durchhalten, denn zum Schluss lohnt sich “Déraciné” dann umso mehr.

Wie von Zauberhand …

Um “Déraciné” spielen zu können werden zwingend zwei Motion Controller benötigt, die im Spiel für eure Hände stehen. Und obwohl ich nun wirklich viele VR-Spiele gesehen habe, war ich in diesem Fall einmal mehr überrascht davon, wie real sich eure Hände im Spiel anfühlen können und wie greifbar Dinge damit werden, als wären sie tatsächlich vorhanden. Insbesondere wenn man sein Chronometer in die Hand nimmt und die roten Lichteffekte und Partikel damit verstreut, fühlt man sich schon fast wie Harry Potter höchstpersönlich. Das Tracking funktioniert trotz nicht immer optimaler Kameraposition hervorragend, für die Fortbewegung hat man sich für eine Point-to-Point Steuerung entschieden, die man schnell verinnerlicht hat, und Probleme wie Motion-Sickness sind dadurch ebenfalls nicht vorhanden. Klar wünscht man sich hier und da auch ein paar mehr Freiheiten, um das Internat erkunden zu können, man sieht aber auch, dass man damit schon sehr großzügig war und man bis unters Haus oder aufs Dach steigen kann, so dass einem keine Ecke des Internats verwehrt bleibt.

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Diese statische Konstruktion der Story, der Spielwelt und der Fortbewegung dürfte auch dafür ausschlaggebend sein, dass “Déraciné” aus visueller Sicht wirklich klasse aussieht. So ein altes Internet in Zeiten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bringt ja schon seinen ganz eigenen Charme mit sich. Die grafische Perfektion hier lässt einen dabei aber die teils sehr unscharfen und verwaschenen Anfänge von VR vergessen, da hier alles – von der Umgebung bis hin zu den Charakteren – absolut glatt gebügelt wurde. Besonders die Charaktere, denen man immer genau gegenübersteht, sorgen dabei für einen Hingucker nach dem anderen, die in ihrem Design ein wenig an typische JRPG-Figuren erinnern.

Begleitet wird die Geschichte von einem sehr ruhigen und melancholischen Soundtrack, der mal wieder perfekt zur Stimmung des Spiels beiträgt, auch wenn es teils etwas ermüdend sein kann. Obendrauf setzt man sehr authentische und gut gewählte Synchronsprecher, die das Spiel letztendlich abrunden.

Summary
“Wer mit Déraciné ein typisches Spiel von From Software in VR erwartet, wird wohl ein wenig überrascht sein, die damit eine komplett andere Seite von sich zeigen. Statt epischer Kämpfe gegen Monster ist es hier eine rührende Geschichte über Internatskinder, die an Geister glauben. In dieser Rolle beeinflusst ihr aus der Stille heraus deren Leben und bekommt eine sehr fein erzählte Geschichte präsentiert, die zuweilen zwar etwas träge wirken kann, am Ende aber auch ziemlich überrascht. Die spielerischen VR-Mechaniken beweisen hier zudem sehr deutlich, worin sich das Medium von traditionellen Spielen unterscheidet. Selten wirken Dinge so real und greifbar, wie in Déraciné, was selbst VR-Veteranen noch einmal verblüffen wird. Déraciné ist aus Sicht der Story sicherlich kein Mainstream-Titel, überzeugt im Gesamten dennoch mit einer sehr gelungenen Umsetzung, sowohl aus Sicht der Ideen, wie auch den technischen Herausforderungen.”
Good
  • Interessanter Story-Ansatz
  • Fantastisches immersives Gefühl
  • Grafisch hübsch anzusehen
  • Überraschendes Ende
Bad
  • Leicht träge Erzählung
  • Kapitelaufbau kann verwirren
8.3
Great