TEST: The Last of Us Part II – Schonungslos echt & brutal schön

Gut oder Böse, richtig oder falsch? Haben solche Dinge noch ihre Gültigkeit, wenn einen das Verlangen nach Gerechtigkeit antreibt, oder ist es eher Rache, die einen zu Fehlentscheidungen verleitet? Diese Gratwanderungen wird man in Kürze in The Last of Us: Part II erleben, eine intensive Story-Erfahrung, die das einstige Masterpiece von Entwickler Naughty Dog und Sony noch einmal übertreffen soll. Wir haben die lang erwartete Fortsetzung des Survival-Adventures für euch getestet und verraten euch, ob sich das lange Warten darauf lohnt.

Ellies Geschichte …

Fünf Jahre sind seit The Last of Us vergangenen, Joel und Ellie haben sich in einer aufblühenden Community in Jackson, Wyoming niedergelassen, die der ständigen Bedrohung durch Infizierte und allen Widrigkeiten trotzt. Wäre da nicht ein grausames und schicksalhaftes Ereignis, das Ellie zu einer unerbittlichen Reise in die gefährliche Welt da draußen zwingt, eine Reise, um vermeintliche Gerechtigkeit zu üben.

Es steht außer Frage, dass Naughty Dog mit The Last of Us: Part II eine unglaublich aufwühlende und spannende Story abliefert, die ganz anders verläuft, als manch einer erwartet. Es ist diesmal Ellies Geschichte, eine Geschichte, die nicht nur einmal eine unvorhersehbare Wendung nimmt und Ellie zuweilen in einem Licht dastehen lässt, das Zweifel daran aufkommen lässt, wer der Held und wer der Schurke in der Geschichte ist. Diesen klassischen Ansatz gibt es in The Last of Us: Part II ohnehin eher untergeordnet, vielmehr erlebt man eine komplexe und zunehmend eskalierende Story zwischen oftmals moralischen Entscheidungen, persönlichen Differenzen und Notwendigkeit, die am Ende eine große Frage aufkommen lässt.

Naughty Dog überzeugt dabei mit einem glaubhaften und stimmigen Zusammenspiel zwischen den Charakteren, zum Beispiel dem wiederkehrenden Thommy, oder ihrer Freundin Dina, die einem nicht einfach nur blind durch die Welt folgen, sondern tiefgreifende Themen, Sorgen, Ängste und Gedanken, aber auch tolle Erlebnisse untereinander teilen. Die Charaktere sind echt und man lernt sie in verschiedensten Facetten kennen, ob man sie dann mag oder nicht. Und sei es nur Smalltalk bei einem gemütlichen Ritt, um so den natürlichen Gesprächsfaden aufrecht zu erhalten, oftmals auch situationsbedingt, etwa wenn Ellie ihrer Leidenschaft fürs Trading-Card sammeln nachgeht und sich dazu neckische Kommentare von Dina anhören muss. Aber auch die gemeinsamen Erinnerungen bei einer kleinen Gitarrenstunde mit Joel an ihre damalige Reise zeigen, dass die Story und Charaktere wieder absolut im Vordergrund stehen. Ein durchweg glaubhaft stimmiges Bild, in das man sich leicht hineinversetzen und es nachvollziehen kann.

Geradezu grandios – natürlich auch Dank der fortschreitenden Technologie – gelingt es Naughty Dog, solche Momente und Emotionen auch visuell perfekt darzustellen. Eine Szene in einem Aquarium macht dies besonders deutlich. Was zunächst als eine Situation startet, in der sich scheinbar nur Feinde gegenüberstehen, eskaliert zu einem Desaster, bei dem sich Ellie am Ende über sich selbst erschrocken zeigt – ihr Gesicht in rotes Licht und mit weit aufgerissenen Augen getaucht. Da muss man erstmal selbst schlucken. Solche Momente, die auf fantastische Weise markieren, wie sich die Charaktere weiterentwickeln und verändern – allen voran Ellie – hat man immer wieder. Am Ende war ich mir bei ihr nicht einmal mehr sicher, ob sie wirklich noch der unschuldige Lieblingscharakter ist, den man aus The Last of Us kennt, oder eher schon ein Monster, das seine Gefühle durch ihre Erfahrungen komplett abgelegt hat und nur noch von Rache getrieben wird. 

Über rund 22 Stunden laut Savegame (ohne Wiederholungen und Tode) verfolgt man so Höhen und absolute Tiefen, kehrt noch einmal zur Krankenhaus-Szene im Originalspiel zurück, erfährt verschiedene Sichtweisen und arbeitet die Ereignisse in der Zeit zwischen den beiden Spielen auf. Schon alleine dafür lohnt es sich, The Last of Us: Part II zu spielen. Ellie zeigt sich nach diesen fünf Jahren auch deutlich erwachsener, geht eine Liebesbeziehung mit Dina ein und – besonders spannend – der “Bruch” zwischen ihr und Joel wird thematisiert, nachdem Ellie herausfindet, warum Joel sie damals gerettet hat.

Persönlich empfand ich die Story aber auch etwas zu lang gestreckt und künstlich gefüllt, wie bei manchem Film, der schon vor einer Stunde hätte zu Ende sein können. Zuweilen wird der Handlungsbogen damit unnötig überspannt, was es letztendlich schwierig macht, der Handlung über so viele Stunden konzentriert folgen zu können. Man kann die Entwickler verstehen, die so viel zeigen wollen wie nur möglich, sie verlieren sich gefühlt aber auch zu sehr darin, worunter die Gesamterfahrung leidet. Weniger ist manchmal mehr trifft es hier sicherlich sehr gut.

Pandemie fast Nebensache

Auch fand ich schade, dass die Pandemie, das eigentliche Thema von The Last of Us, etwas zu nebensächlich wird. Klar, es gibt noch immer die gefürchteten Clicker, Stalker und inzwischen auch supermutierte Versionen davon, dessen Gift selbst nach ihrem Ableben noch tödlich ist, das Thema an sich ist während der gesamten Story aber kaum noch Gegenstand. Stattdessen werden sie als etwas gefährlichere Gegner meist in dunklen Gebäuden platziert und sehen noch immer wirklich furchterregend aus, aber das war es dann auch schon. Nach dem Motto: erledigen und weiter. Das gilt leider auch für größere Endbosse, die erst grandios in Szene gesetzt und bekämpft werden, storytechnisch dann aber wenig Beachtung finden.

Ein spielbares Gemälde

The Last of Us: Part II bietet aber deutlich mehr als nur die Story und in diesem Punkt zeigt Naughty Dog, wozu die PS4 jetzt noch in der Lage ist. Ein spielbares Gemälde, das sich bis auf gelegentliche Popups kaum technische Schwächen leistet und das man bis in den letzten Winkel erkunden möchte. Man fühlt sich sofort in diese Welt versetzt, die sich nicht nur äußerst abwechslungsreich präsentiert, sondern auch bis ins kleinste Detail und akribisch ausgeschmückt wurde. Schauplatz ist diesmal hauptsächlich Seattle, eine zunehmend verfallende Stadt, überwuchert von Pflanzen, mit einstigen Quarantänezonen und den Überresten der Zivilisation durchzogen. Es ist, als würde man von einem Lost Place in den nächsten stolpern – man besucht ein eindrucksvolles prähistorisches Museum, in dem Anfassen zur Abwechslung auch erlaubt ist, ein halb intaktes Aquarium, kraxelt über die Skyline der Stadt und findet sich im nächsten Moment im tiefsten Wald wieder. Man bekommt so viele unterschiedliche Eindrücke geboten, da möchte man am liebsten mit der Spielfigur tauschen. Es ist das wohl mit Abstand schönste und abwechslungsreichste Spiel, das die PS4 derzeit zu bieten hat. Malerische Vororte gehören hier ebenso dazu wie tückische und tödliche Territorien der rivalisierenden Gruppen, die gnadenlos um jeden Meter in dieser Welt kämpfen. In die Umgebungen und Schauplätze wurde diesmal so viel Energie gelegt, dass man sich kaum daran satt sehen möchte. 

Mit fortschreitender Technik finden sich diese Ambitionen natürlich auch bei den Charakteren wieder, die kaum lebensechter aussehen könnten. Die Arbeit der Animations-Teams ist einfach Wahnsinn und auf einem solch hohem Niveau, dass es nur schwer zu toppen sein wird, zumindest nicht in dieser Generation. Gesichtszüge, Falten, Haare, Augen, Mimiken und Gesten sehen einfach fantastisch und lebensecht aus, ohne jedoch aus den Augen zu verlieren, dass es immer noch ein Videospiel ist. The Last of Us: Part II dürfte damit einen neuen Maßstab definieren, den es nun wieder zu übertreffen gilt.

Schleichen, Craften, Sammeln

Wo sich The Last of Us: Part II visuell erheblich weiterentwickelt hat, möchte das Gameplay natürlich in Nichts nachstehen. Insbesondere im Vergleich zu The Last of Us hat sich doch einiges getan, was man von der ersten Spielminute an merkt. Zwar ist der Grundaufbau weiterhin sehr linear und auf die Story fokussiert, die einzelnen Gebiete sind nun aber viel weitläufiger und laden noch mehr zum Erkunden ein, was besonders dann gilt, wenn man sich neue Schleichwege suchen muss. Clever ist, dass man teils erst Fensterscheiben einwerfen muss, um weiter voran zu kommen, was nicht immer so offensichtlich ist.

Doch erstmal zu Ellie, die sich grundlegend anders spielt, wie schon in unserer Vorschau angemerkt. Daraus ein kleiner Auszug:

“So agiert sie [Ellie] deutlich beweglicher als im Vergleich zu Joel damals, kann Gegnern geschwind ausweichen und sofort zum Gegenangriff übergehen, über größere Spalten springen, Seile nutzen, durch kleinere Schlupflöcher kriechen, aber auch Tricks wie Ablenkung und Hinterhalte anwenden, mit denen ihr eure Gegner lautlos und unbemerkt töten könnt.”

Das ist natürlich nicht alles was Ellie beherrscht, deren Fähigkeiten mittels Skills und Trainingsbüchern, die sich in der Spielwelt finden, ausgebaut und verbessert werden können, um so ihre körperlichen “Defizite” auszugleichen. Laut Naughty Dog definiert sich darüber auch der persönliche Spielstil wie Stealth oder offensives Kämpfen, nüchtern betrachtet war es für mich allerdings ein klassischer Skilltree, den ich gleichermaßen bedient habe, je nachdem, was mir gerade interessant oder wichtig erschien. Das kann jeder natürlich so handhaben, wie er möchte. Ein Beispiel wäre das Anfertigen von Messern, ohne die sich die gefürchteten Clicker nicht aus dem Hinterhalt erledigen lassen. Oftmals kann man im Nahkampf auch entscheiden, wie man seinen Gegner tötet – Messer unauffällig in den Hals stechen oder brutal zuschlagen, nachdem man ihn z.B. mit einem Ziegelstein betäubt hat. Ohne all das bleibt oft nur der offensive und oftmals schwierige Frontalangriff, der durch den Krach meist weitere Infizierte oder Gegner anlockt. Wer lieber offensiv kämpft, investiert vermutlich mehr in Gesundheit oder schnellere Heilung, oder pimpt seine Waffen dementsprechend auf. Der Bogen von Ellie erweist sich mit den richtigen Geschossen allerdings als wertvollste Waffe – effektiv und wenig auffällig. Aber auch die anderen Gadgets, Fallen, Molotovs machen immer noch höllischen Spaß, vor allem dann, wenn man die Gegner damit gegenseitig ausspielen kann.

Nun muss man auch nicht ausschließlich durchs dichte Gras kriechen und sich immer verstecken. So steckt in The Last of Us: Part II auch sehr viel Uncharted und man darf sich hin und wieder auf spektakuläre Action-Parts freuen. Unberechenbare Bootsfahrten durch Stromschnellen gehören ebenso dazu wie wilde Verfolgungsjagden auf Pferden, bei denen wir Gegner aus allen Richtungen abwehren müssen. Und auch Rätsel-Passagen kommen nicht zu kurz, etwa um Safes zu knacken, deren Kombinationen oft in Notizen versteckt sind, was einen wiederum dazu zwingt, diese aufmerksam zu suchen und zu lesen. Survival-Aspekte, Erkundung und letztendlich Belohnungen gehen hier wunderbar Hand in Hand, ohne auf Dauer monoton zu werden. Im Gegenteil, man wird immer wieder mit kleinen Nebengeschichten belohnt, die das Gesamtbild abrunden.

Smartere Gegner

Aber auch die Gegner haben dazu gelernt, welche jetzt deutlich smarter agieren – einer der großen Kritikpunkte im Original. Hier hätten wir zum Beispiel die Scars oder Seraphines, eine Art Kult, die einer spirituellen Führerin folgen und weitestgehend auf moderne Waffen verzichten. Stattdessen kämpfen diese mit Fallen, verteidigen sich gerne mit dem Bogen und leben eher zurückgezogen in den Wäldern, was sie umso gefährlicher macht. Diese agieren mit äußerster Brutalität, opfern gerne mal den ein oder anderen und verständigen sich recht perfide über Pfeiftöne, die man selbst nicht deuten kann.

Die eher waffenlastigen Anhänger der WLF patrouillieren hingegen in den verfallenen Städten, sichern sich strategische Posten und behausen Stützpunkte. Hier fällt vor allem das clevere Zusammenspiel auf, wenn die Gegner sich gegenseitig als Verstärkung rufen und einen suchen wenn sie Leichen finden oder wenn ein Schuss nur mal daneben geht. Auch verfügen diese über Suchhunde, die einen unerlässlich folgen und nur mit Ablenkung umgangen werden können. Durch die weitläufigen Gebiete in The Last of Us: Part II funktioniert auch nicht immer die gleiche Strategie, da eure Gegner nun vermehrt aus allen Richtungen kommen. Man muss sich diese immer wieder neu zurechtlegen und andere Ansätze oder Wege ausprobieren, einschließlich der Nutzung von Gadgets wie Sprengfallen oder Rauchbomben. Strategische Survival-Experten kommen damit vollends auf ihre Kosten, vor allem in den höheren Schwierigkeitsgraden.

Etwas kritisch sind dafür weiterhin eure gelegentlichen Sidekicks, die zwar durchaus nützlich im Kampf sind, von den Gegnern selbst aber nicht großartig wahrgenommen werden. Gleiches gilt auch für das Licht eurer Taschenlampe, das in dunklen Räumen völlig ignoriert wird. Hier hätte man noch etwas mehr an der Authentizität schrauben können, zumal genau das schon beim ersten Spiel bemängelt wurde.

Beklemmende Geräuschkulisse

Da es sich bei The Last of Us: Part II  um ein reines Singleplayer-Story-Spiel handelt, bleibt nur noch der Soundtrack zu erwähnen, der abermals aus der Feder des Komponisten Gustavo Santaolalla stammt. Wer das erste Spiel kennt, darf sich auch im zweiten Part wieder auf melancholische Gitarrenklänge freuen, die allgemein von sehr ruhigen und zurückhaltenden Musikstücken begleitet werden und das gesamte Setting in eine beklemmende Stimmung hüllt. Hier hat man im wahrsten Sinne des Wortes den richtigen Ton getroffen.

Die Charaktere werden zudem erneut von erstklassigen Synchronsprechern abgerundet, auch in deutsch, die Naughty Dog und Sony für die Charaktere ausgewählt haben. Wer die Sony-Spiele kennt, weiß, dass man in diesem Punkt nie enttäuscht wird, so auch nicht in The Last of Us: Part II.

TEST: The Last of Us Part II – Schonungslos echt & brutal schön
“Man war schon ganz verunsichert durch die Leaks und Spekulationen im Vorfeld der Veröffentlichung von The Last of Us: Part II, vor allem im Hinblick auf die potenzielle Entwicklung von Ellie, die hier und da auf Kritik stieß. Am Ende liefert Naughty Dog aber wieder eine spannende und aufwühlende Story ab, die man so nicht kommen sehen wird. Überraschende Wendungen gehören hier ebenso dazu wie immer wieder schwerwiegende, moralische Entscheidungen (wenn auch nicht beeinflussbar), die einen zuweilen selbst schockieren und die Frage aufkommen lassen, wie würde man selbst in einer solchen Situation handeln? Am Ende hat man ein komplett anderes Bild von Ellie im Kopf als das bisherige von dem unschuldigen kleinen Mädchen. Eine wirklich eindrucksvolle Story, so ganz anders und dadurch sicherlich lange im Gedächtnis bleibend. Das ergänzt durch eine erneut technische Meisterleistung, mit der Naughty Dog immer wieder ins Staunen versetzt, besonders im Hinblick auf die Lost-Place-inspirierten Schauplätze, die man bis in den letzten Winkel erkunden möchte. Wer sich auch spielerisch am Original erfreuen konnte, bekommt in The Last of Us: Part II ein verfeinertes und hier und da ergänztes Gameplay, das kaum Wünsche für Survival-Fans offen lässt. Das Bewährte noch besser, um es kurz auszudrücken. Das Komplettpaket ist somit stimmig, wenngleich mir eine straffere Erzählung und eine bessere Sidekick-Wahrnehmung noch besser gefallen hätte. In der Summe ist The Last of Us: Part II aber ein Meisterwerk, das in dieser Generation für sich steht und sie wohl auch definiert. Mal schauen, ob Sucker Punch das mit Ghost of Tsushima in Kürze toppen kann … leicht wird es jedenfalls nicht.”
9.7