TEST: Ghost of Tsushima – Asia-Kitsch mit Action gepaart

Mit Ghost of Tsushima bringt Entwicklerstudio Sucker Punch Productions nach der inFAMOUS-Reihe frischen Wind ins eigene Portfolio – und verleiht einer großartigen Konsolengeneration zugleich einen würdigen Abschluss, der sogar einen Verkaufsrekord hingelegt hat. Wie uns das Open World-Epos gefällt, das wir nun vier Wochen lang ausgiebig erkundet haben, erfahrt ihr im folgenden Test.

Ghost of Tsushima

Japan, 13. Jahrhundert: Auf Befehl des Heerführers Khotun Khan fallen die Mongolen über die japanische Insel Tsushima her und hinterlassen Tod, Zerstörung und verbrannte Erde. Tapfere Samurai – unter ihnen Fürst Shimura und sein Neffe Jin Sakai – versuchen die Invasoren abzuwehren, stehen der Übermacht aber chancenlos gegenüber. Die meisten Samurai finden bereits im Prolog einen zwar ehrenvollen, zugleich aber auch sinnlosen Tod. Shimura gerät nach einer Schlacht in Gefangenschaft. Jin überlebt schwer verletzt. Jetzt liegt es in seiner Hand, Verbündete zu finden, seinen Onkel aus den Klauen Khotun Khans zu befreien und die mongolischen Invasoren von der Insel zu vertreiben.

Soviel zur Exposition. Bereits der cineastische Auftakt des Spiels macht deutlich: Ghost of Tsushima ist hervorragend in Szene gesetzt und erinnert in vielen Momenten an die Eastern-Klassiker Akira Kurosawas, aus denen das Spiel seine Inspiration bezieht. Das dürfte vor allem Fans des fernöstlichen Popcorn-Kinos über die etwas flache Story hinwegtrösten, die zwar Bezüge zu realen historischen Ereignissen aufweist, durch ihre wenig interessanten und zumeist eher eindimensionalen Charaktere allerdings kaum emotionale Fallhöhe aufbaut. Alles in allem bietet Ghost of Tsushima in puncto Inszenierung aber ein rundes Gesamtpaket, mit hochwertig animierten Zwischensequenzen, dynamischen Kamerafahrten und hervorragender Synchronisation – insbesondere im japanischen O-Ton, der den Dialogen mehr Authentizität verleiht.

Ghost of Tsushima

In Ghost of Tsushima erkunden wir eine hübsch ausgestaltete Open World, die sich uns erst im zweiten Akt vollständig öffnet. Genretypisch gibt es oberflächlich betrachtet zwar viel zu entdecken: Wir finden Schreine, an denen wir kosmetische Items oder Upgrades erhalten, heiße Quellen und Bambusstände, mit denen wir unsere Lebens- und Fähigkeitenleiste erweitern können, besetzte Dörfer, die es von Mongolen zu befreien gilt. Allerdings stellt sich bereits nach wenigen Spielstunden eine gewisse Übersättigung ein, nachdem wir all diese optionalen Tätigkeiten etwas zu oft wiederkäuen. Positiv sei an dieser Stelle aber angemerkt, dass zumindest Haupt- und Nebenquests trotz einiger Redundanzen im Gameplay insgesamt einen soliden Eindruck machen, weil sie mit den Hintergrundgeschichten und persönlichen Schicksalen unserer Auftraggeber angereichert sind.

Immer dem Wind nach

Ghost of Tsushima ergänzt das ansonsten recht archetypische Open World-Spieldesign allerdings um ein kreatives Novum, an dem sich andere Genre-Vertreter in Zukunft gerne bedienen dürfen: Die Spielwelt ist unser Kompass. Points-of-Interest entdecken wir nicht durch Icons auf der Karte, sondern weil Tiere uns dorthin lotsen. Ebenso werden unsere Questziele nicht durch einen Marker angezeigt. Stattdessen navigieren wir mithilfe des Windes, der praktischerweise immer in genau die Richtung weht, in die wir gerade müssen, um in der Handlung voranzukommen oder unseren angestrebten Zielort zu erreichen. Das fühlt sich überraschend organisch an und ist hervorragend umgesetzt.

Ghost of Tsushima

Das größte Highlight sind aber die wunderschön und sehr detailliert ausgestalteten Szenerien: Berge, Bambushaine, Flüsse, Felder – jedes Panorama wirkt wie ein Gemälde aus kontrastreichen Ölfarben. Anstatt auf Realismus zu setzen, haben sich die Entwickler für ein malerisch-buntes Design mit atmosphärischer und mystischer Beleuchtung entschieden, das vor allem auf HDR-fähigen Fernsehern richtig zur Geltung kommt. Dynamische Wettereffekte ergänzen das fantastische Ambiente. Wobei Ghost of Tsushima hier vielleicht ein wenig über das Ziel hinausschießt. Das Spiel haut uns nämlich in einem derartigen Schnelltakt verschiedene Wetterzustände und Lichtstimmungen um die Ohren, dass es zuweilen sogar schwer fällt, die Tag-Nacht-Zyklen in der Spielwelt nachzuvollziehen. Das ist aber Meckern auf hohem Niveau, dem wir an dieser Stelle noch ein großes Lob gegenüberstellen möchten: Ghost of Tsushima hat bemerkenswert kurze Ladezeiten – so kurz, dass sie laut Sucker Punch Productions sogar künstlich verlängert werden mussten, damit Spieler überhaupt Zeit haben, die Tipps auf dem Ladebildschirm zu lesen. Da ist seitens der Entwickler Magie am Werk, die wir eigentlich erst auf der PlayStation 5 erwartet hätten.

Ein zweischneidiges Schwert

Einen wesentlichen Teil der Spielzeit verbringen wir damit, mongolische Krieger zu bekämpfen. Wir können dabei entweder mit der Tür ins Haus fallen und die direkte Konfrontation suchen, oder uns schleichend durch die gegnerischen Truppen meucheln. Die Kämpfe fühlen sich anfangs wenig intuitiv und etwas ungewohnt an, weil sie nach dem Schere-Stein-Papier-Prinzip funktionieren: Jin erlernt im Laufe des Spiels vier verschiedene Kampfhaltungen, die jeweils gegen einen bestimmten Gegnertyp effektiv sind. Um gegen Schwert-, Schild- und Lanzenkämpfer oder Barbaren anzukommen und ihre Deckung zu durchbrechen, müssen wir also immer die jeweils richtige Haltung einnehmen. Im Zweikampf funktioniert das gut und bringt uns schnell in den Flow. Problematisch wird es allerdings dann, wenn wir uns einer Gruppe von unterschiedlichen Gegnertypen gegenüber sehen. Dann wird es schnell unübersichtlich, während wir hektisch zwischen den Kampfhaltungen hin- und herschalten. Das Kampfsystem ist für die zahlreichen Gruppenkämpfe, die uns das Spiel regelmäßig aufzwängt, eigentlich gar nicht ausgelegt. Es gibt zum Beispiel keine Möglichkeit, einzelne Gegner anzuvisieren, um sie aus der Masse herauszupicken und im Blick zu behalten.

Ghost of Tsushima

One-on-One-Kämpfe funktionieren dafür aber hervorragend und fühlen sich nach einer gewissen Eingewöhnungszeit auch verdammt gut an. Wir traktieren unsere Gegner mit schweren und leichten Angriffen, blocken ihre Attacken ab, weichen aus und können durch perfektes Timing auch eine Parade hinlegen, um gegnerische Hiebe mit einem kritischen Schlag zu kontern. Die Kampfanimationen sind tadellos und flüssig, das Trefferfeedback ausreichend wuchtig. Duelle mit Zwischenbossen fallen besonders intensiv aus, auch wenn diese relativ schnell ihren Glanz verlieren, weil sie letztendlich immer nach dem gleichen Schema verlaufen. Die Kämpfe sind übrigens auf dem normalen Schwierigkeitsgrad ausreichend fordernd, lassen sich im Optionsmenü aber auf das persönliche Spielerprofil zuschneiden.

Durch das Sammeln von Erfahrungspunkten und Absolvieren von Quests erlernt Jin eine Handvoll neuer Fähigkeiten, die sein Kampf- und Schleichgeschick verbessern. Zudem können wir seine Ausrüstungsgegenstände durch Ressourcen, die überall in der Spielwelt verteilt sind, bei Rüstungs- oder Waffenschmieden aufwerten. Ghost of Tsushima hat also leichte Rollenspiel-Anleihen, auch wenn diese eher seicht ausfallen. Neue Rüstungen und kosmetische Items freizuschalten, gibt aber ausreichenden Anreiz, die Spielwelt auch außerhalb der handlungsrelevanten Pfade zu erkunden. Wer auf eine Platintrophäe aus ist oder alle Geheimnisse von Ghost of Tsushima lüften möchte, kann auf die circa 30 Stunden Spielzeit also noch mal eine ganze Schippe draufpacken.

Wer danach immer noch nicht genug hat, kann sich übrigens mit dem Foto-Modus richtig austoben und plakatreife Schnappschüsse machen. Und wer sich eine nostalgische Spielerfahrung wünscht, sollte mal den Schwarzweiß-Modus ausprobieren, der an die alten Samurai-Filme angelehnt ist und deren Charme durch aufwendig integrierte Effekte wie Filmgrain oder rauschende und knisternde Audiospuren auffängt.

TEST: Ghost of Tsushima – Asia-Kitsch mit Action gepaart
"Ghost of Tsushima ist ein bisschen wie die Best-Of-Platte mit den Greatest Hits der letzten Jahre. Vieles von dem, was uns spielerisch erwartet, haben wir ihn ähnlicher Form schon etliche Male zuvor gesehen. Dennoch ist es den Entwicklern gelungen, die genretypischen – und in den letzten Jahren etwas überstrapazierten – Open World-Mechaniken in eine wunderschöne Welt mit einer eigenen Identität zu transportieren. Das Kampfsystem ist angenehm fordernd, wenn auch gelegentlich etwas hektisch und unübersichtlich. Ist man allerdings erstmal im Flow, fühlt man sich auch richtig mächtig – wie ein echter Samurai eben. Ghost of Tsushima ist eine erfrischende Abwechslung, auch ohne die große Open World-Revolution zu sein.
Positiv
liebevoll gestaltete Welt
filmreife Inszenierung
extrem kurze Ladezeiten
Negativ
Redundanzen im Gameplay
eindimensionale Charaktere
8
Verfügbar bei: